Rotzi Popel auf der Alm

Eines Tages, es war noch dunkel, kam der Spatz schon ganz früh am Morgen an den Waldbach zu dem ausgehöhlten Stein geflogen, in dem Rotzi Popel jetzt lebte. Rotzi Popel gähnte und öffnete mühsam die Augen, als er seinen Freund zeitschern hörte. Auch Madame Moos erwachte und schimpfte: „Das ist ja unerhört! Wissen Sie eigentlich, wie früh es noch ist?“ „Ja, das weiß ich und es tut mir auch schrecklich leid, aber es ging leider nicht anders“, entschuldigte sich der Spatz. „Warum ging es nicht anders? Was ist denn los?“ Jetzt war auch Rotzi Popel neugierig geworden. „Ich fliege heute in die Berge“, erklärte der Spatz. „Mein Vetter, der Sperling, wohnt da auf einer Almhütte. Hast du Lust, mich zu begleiten?“

Mit einem Schlag war Rotzi Popel hellwach. Das kleine Mädchen, in dessen Nase er früher gelebt hatte, war einmal mit seinen Eltern in den Bergen gewesen. Rotzi Popel hatte die frische Bergluft geliebt, die von so vielen unbekannten Aromen erfüllt war. Er konnte es kaum erwarten, den Ursprung dieser Aromen mit eigenen Augen zu sehen. „Ich komme gerne mit!“, rief er und kletterte flugs auf den Rücken des Spatzes. Schon ging es los. Es war zwar noch immer dunkel, aber der Spatz kannte den Weg. Allmählich begann das Dunkel einem fahlen Grau zu weichen. Der Himmel wurde immer heller, langsam kehrten die Farben in die Landschaft zurück. Rotzi Popel sah, dass sie über ein weites Hügelland flogen, und als er nach vorne blickte, erhoben sich vor ihm majestätisch die Berge.

Just in diesem Augenblick brach der erste Sonnenstrahl links von ihnen, im Osten, über den Horizont und flutete das Panorama mit blassgoldenem Licht. Es war so schön, dass Rotzi Popel ganz andächtig wurde. Der Spatz aber ließ ein fröhliches Jubelgezwitscher ertönen und begrüßte so den neuen Tag.

Je näher sie den Bergen kamen, desto höher schienen diese in den Himmel zu ragen. In den Tälern lagen noch tiefe Schatten, aber die Menschen waren offensichtlich schon wach. Der Spatz und Rotzi Popel sahen Autos auf den Straßen, Busse fuhren ihre gewohnten Runden und Kinder waren auf dem Schulweg.

Sie flogen jetzt über kleine Bergdörfer, in denen Bauern ihre Tiere auf die Weiden trieben, aber sie waren offensichtlich noch nicht da. Endlich begann der Spatz den Sinkflug. Er steuerte auf eine einsam stehende kleine Almhütte zu, um die herum bereits einige Ziegen auf den grünen Wiesen standen. In einem Nest unter dem Dachgiebel erwartete der Sperling bereits seinen Vetter. Sie begrüßten sich überschwänglich und der Spatz stellte seinem Vetter Rotzi Popel vor. Als die Begrüßung vorüber war schlug der Spatz Rotzi Popel vor: „Wenn du möchtest, setze ich dich unten auf der Bank ab, dann kannst du dich etwas umsehen, während wir alte Geschichten austauschen.“

Rotzi Popel hatte nur auf eine solche Gelegenheit gewartet und stimmte freudig zu. Wenige Minuten später saß er schon auf der Bank. Er genoss die herrliche Luft und sog sie tief ein. So viele unbekannte Düfte verbargen sich darin. Wie gerne hätte er sie erkundet. Nur wie? Er war ja nur ein kleiner Popel und konnte daher nicht gut durch das hohe Gras marschieren.

Da drang plötzlich ein sehr strenger Geruch in seine Nase und er merkte, dass eine der Ziegen direkt neben seiner Bank graste. Ohne einen Gedanken an die möglichen Risiken zu verschwenden, krabbelte Rotzi Popel hinüber, tat eine gewagten Sprung und landete sicher auf dem Hinterteil der Ziege. Die Ziege hatte nichts bemerkt und graste friedlich weiter. Rotzi Popel hangelte sich vorsichtig am Fell der Ziege hinunter bis zu ihrem Euter und klebte sich dort fest. Jetzt war er genau auf Höhe der Gräser und Kräuter. Neugierig schnupperte er an jeder Blume und jedem Gewächs. Er kannte zwar ihre Namen nicht, aber er merkte sich von jeder Pflanze den Duft und das Aussehen. Es gab mild süßlich duftende Kräuter, solche mit säuerlichem Duft, andere mit eher herben Noten. Dazu war die Luft erfüllt vom Summen und Brummen der Insekten.

Plötzlich hörte Rotzi Popel ein helles Glöckchen. Etwas weißes kleines kam durch das Gras auf die Ziege zu. Bei näherer Betrachtung stellte es sich als Zicklein heraus. Ziege und Zicklein begrüßten sich, indem sie die Köpfe aneinander stießen, dann graste die Ziege weiter und das Zicklein stakste zielstrebig auf das Euter zu. Rotzi Popel bemerkte die Gefahr zum Glück und kletterte eilig höher hinauf. Das Zicklein begann, eifrig an einer Zitze zu saugen. Dabei stieß es immer wieder das Köpfchen heftig gegen das Euter, um mehr Milch zu bekommen. Rotzi Popel klammerte sich mit aller Kraft fest. Doch als das Zicklein zum dritten Mal gegen das Euter stieß, verlor er den Halt und stürzte mit einem Schrei ab!

Er landete mitten auf der feuchten rosa Nase des Zickleins. Dieses hatte scheinbar endlich fertig getrunken und schüttelte sich kurz. Dabei schleuderte es Rotzi Popel von seiner Nase auf einen großen Felsbrocken, der unweit im Gras lag.

Der arme Rotzi Popel war ganz benommen von dieser Tortur. Er stöhnte und rieb sich den schmerzenden Kopf.

Da hörte er schon wieder das helle Glöckchen. Das Zicklein hatte ihn anscheinend gehört und kam jetzt neugierig näher. „Geh weg!“, schrie Rotzi Popel angstvoll, „Bleib mir vom Hals!“

Das Zicklein ließ sich dadurch nicht beirren. Es schnupperte an Rotzi Popel. Sein warmer Atem hüllte ihn wie ein Wüstenwind ein. Doch damit nicht genug! Jetzt streckte es auch noch sein raues rosa Züngchen heraus und leckte an Rotzi Popel. Der geriet nun endgültig in Panik. „Hilfe!“, schrie er, „so helft mir doch!“ Das Zicklein meckerte fröhlich und streckte wieder sein Zünglein heraus. Offenbar fand es Gefallen, an Rotzi Popels salzigem Geschmack.

Im allerletzten Moment ergriffen starke Krallen Rotzi Popel und hoben ihn in die Luft.  Das Zicklein blieb am Boden zurück und meckerte empört. Rotzi Popel atmete auf und sah nach oben. Der Spatz hielt ihn sicher in seinen Krallen, Vetter Sperling flog nebenher. „Ich danke dir, mein Freund!“, rief Rotzi Popel erleichtert über den Wind hinweg. „Oh, keine Ursache“, zwitscherte der Spatz. „Nur gut, dass wir dich rechtzeitig gehört haben! Ziegen sind ganz verrückt nach Salz.“ „Das hab ich gemerkt“, grummelte Rotzi Popel düster.

Sie landeten an einem Brunnen, der in einen ausgehöhlten Baumstamm floss. Die Vögel tranken und Rotzi Popel nahm ein erfrischendes Bad. Nach seinem Ziegenabenteuer fühlte er sich ganz ausgedörrt. „Nun müssen wir leider bald wieder los“, verkündete der Spatz wenig später, „der Flug ist so weit.“ „Es freut mich, dass ihr da ward“, entgegnete der Sperling, „ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. “

„Sehr gerne“, fiel auch Rotzi Popel ein, „vielen Dank für alles! Du musst mich unbedingt mal im Wald besuchen kommen. Spatz wird dir den Weg zeigen. Da gibts dann auch keine Ziegen, die an mir lecken wollen!“

Darüber mussten alle drei lachen. Nach einem überstandenen Schreck ist das immer leicht. Dann verabschiedeten sich der Spatz und Rotzi Popel von Vetter Sperling und flogen nach Hause. Der Sperling winkte ihnen nach, und das Zicklein schickte ihnen ein wehmütiges Meckern hinterher.

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