Rotzi Popel auf dem Kirtag

Eines Tages kam der Spatz ganz aufgeregt zu dem Bach in den Wald geflattert. „Komm schnell!“, zwitscherte er vergnügt, „Heute ist Kirtag im nächsten Dorf!“ „Kirtag? Was ist das?“, fragte Rotzi Popel neugierig. „Ach du liebes bisschen!“, zwitscherte der Spatz, „Du weißt nicht, was ein Kirtag ist? Ich sage dir, Kirtag ist herrlich! Da gibt es Musik und Karussell und manchmal sogar ein Riesenrad. Aber das beste ist das Essen! Bratwürstchen und Pommes und Kuchen und Popcorn und Zuckerwatte und noch vieles mehr! Einfach herrlich! Komm mit, es wird dir gefallen!“

Rotzi Popel ließ sich nicht länger bitten. Er kletterte auf den Rücken des Spatzes und schon ging es los. Schon von weitem konnten sie den Lärm des Kirtags hören. Da spielte ein Blaskapelle mit lautem Rums-ta-ta, Kinder lachten und schrien, Verkäufer priesen ihre Waren an. Wie der Spatz es abgekündigt hatte, war die Luft erfüllt vom Duft der Bratwürste, Schnitzel, Pommes und Popcorn und vieler anderer Dinge.

Nun konnten sie den Festplatz auch sehen. Da stand ein großes Festzelt mit lustiger, rot-weiß gestreifter Plane. Es gab ein Karussell mit bunten Tierfiguren, auf denen Kinder im Kreis fuhren. Es gab eine Geisterbahn aus der schaurige Schreie ertönten und es gab sogar ein Riesenrad.

„Wo soll ich dich absetzen „, erkundigte sich der Spatz. „Auf dem Riesenrad, bitte“, antwortete Rotzi Popel, „da kann ich alles in Ruhe betrachten.“

Gesagt, getan. Der Spatz setze Rotzi Popel in Gondel Nummer vier ab, direkt neben etwas Eis, das einem Kind heruntergetropft war. „Super“, freute sich Rotzi Popel, „Aussicht mit Imbiss!“

„Ich hole dich in etwa einer Stunde wieder hier ab“, versprach der Spatz. Dann flog er hinüber zum Festzelt, um zwischen den Tischen nach Leckerbissen zu picken.

Rotzi Popel betrachtete das herrliche Panorama, das sich bunt unter ihm erstreckte. Hoch und höher stieg die Gondel im Riesenrad, bis sie ganz oben angekommen war, dann sank sie wieder. Je tiefer die Gondel sank, desto lauter und intensiver wurden die Eindrücke des Trubels auf dem Kirtag. Von Zeit zu Zeit hielt das Rieserad an, um Passagiere aus und einsteigen zu lassen.

Schon nach der zweiten Runde wurde es Rotzi Popel langweilig. Das Eis hatte er auch schon aufgeschleckt, und so ließ er sich in einem geeigneten Augenblick herunterplumpsen. Er landete glücklich auf dem Sonnenhut eines kleinen Buben. Auf dem Hut sitzend, ließ Rotzi Popel sich durch das Getümmel des Kirtags tragen. Der Bub schien ein Ziel zu haben, denn er schlängelte sich geschickt durch die Menge. Wenig später erkannte Rotzi Popel das Ziel des Jungen. Es war die Geisterbahn. Rotzi Popel war noch nie in einer Geisterbahn gewesen und war sehr neugierig, was jetzt wohl kommen würde.

Der Bub kaufte sich eine Eintrittskarte, stellte sich in der kurzen Schlange an und saß schon lurz darauf in einem def Wagen. Mit heftigem Ruckeln begann die Fahrt. Es wurde dunkel und schauriges Ächzen jnd Stöhnen erklang. Rotzi Popel duckte dich hinter der Hutkrempe. Etwas mulmig war ihm schon zumute! Als nächstes fuhren sie durch ein riesiges Spinnennetz. Rotzi Popel schauderte, als die Fäden über ihn hinweg strichen und er sah sich nervös nach der Spinne um. Nach der Größe des Netzes zu urteilen, musste es eine wahre Riesenspinne sein. Rotzi Popel schloss die Augen, atmete tief durch und sagte sich ganz fest, dass alles nur gespielt war.

Plötzlich erklang ein schreckliches tiefes Lachen hinter ihnen. Der Junge sah sich ängstlich um und Rotzi Popel klammerte sich furchtsam an den Sonnenhut. Genau in diesem Moment hörten sie einen markerschütternden Schrei von vorne und als sie sich hastig in diese Richtung drehten, schnellte ihnen ein Plastikskelett entgegen. Der Bub und Rotzi Popel schrien gleichzeitig auf. Im nächsten Moment rollte der Wagen wieder ans Tageslicht.

Rotzi Popels Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er schwor sich heimlich, nie wieder in eine Geisterbahn zu gehen. Offensichtlich saß auch dem Buben der Schreck noch in den Knochen und er hatte beschlossen, ihn mit Zucker zu bekämpfen.

Beim nächsten Zuckerwattestand holte sich der Bub eine Portion. „Was für den Jungen funktioniert, hilft mir vielleicht auch“, dachte sich Rotzi Popel und ließ sich auf die Plastikkuppel der Zuckerwattemaschine fallen. Unbemerkt rutschte er die Kuppel hinunter bis zur Öffnung, hielt ein klebrig-gelbes Händchen hinein und wartete, bis sich genügend Zuckerfäden daran gefangen hatten. Zufrieden betrachtete er seine nun weiß umwickelte Hand und probierte vorsichtig. Es war sehr klebrig und schmeckte sehr süß. Fast zu süß. „Vielleicht wird es besser, wenn man mehr davon isst“, dachte sich Rotzi Popel und naschte weiter. Gleichzeitig hielt er nach seinem nächsten Transportmittel Ausschau. Ein Mädchen holte sich gerade eine Zuckerwatte und Rotzi Popel kletterte schnell und heimlich auf ihr gelbes Kleid.

Das Mädchen ging zu einem Schießstand. Sie bekam fünf Pfeile und warf damit auf bunte Luftballons, die auf der Wand befestigt waren. Vier Ballons platzten und das Mädchen bekam eine kleine rosa Plüschmaus.

Ungefähr da bemerkte Rotzi Popel dass ihm die Zuckerwatte nicht besonders bekam. Er hatte ein unangenehmes flaues Gefühl in der Magengegend. Ihm war übel. Mühsam streifte er den Rest der Zuckerwatte am Kleid des Mädchens ab. Wie gern hätte er etwas zu trinken gehabt! Aber das musste warten.

Als nächstes ging das Mädchen am Festzelt vorbei, wo die Blaskapelle gerade einen Walzer spielte und einige Tanzpaare sich im Kreis drehten. Im Takt der Musik näherte das Mädchen sich dem Karussell mit den bunten Tierfiguren. Rotzi Popel freute sich. Das würde lustiger werden, als die Geisterbahn! Das Mädchen gab dem Fahrkartenkontrolleur einen bunten Chip und schon setzte sich das Karussell in Bewegung.

Die Fahrt war herrlich! Das Holzpferd, auf dem das Mädchen saß, schaukelte auf und ab, dazu spielte Leierkastenmusik und alles drehte sich lustig im Kreis. Unglücklicherweise stellte es sich heraus, dass Rotzi Popel keine Kreisbewegung vertrug. Ihm wurde unsäglich schlecht. Er versuchte, sich zu beherrschen, aber nach der fünften Runde war es einfach zuviel. Er übergab sich. Zum Glück war Rotzi Popel ziemlich klein, daher war auch sein Erbrochenes nur ein winziges Tröpfchen. Es landete auf der Brille eines feinen Herrn, aber der bemerkte es gar nicht.

Endlich war die Fahrt vorbei. Das Mädchen stieg ab und ging wieder zjm Festzelt. Sie setzte sich an eknen der langen Tische zu einer Frau, die offensichtlich ihre Mutter war. Während sich die beiden unterhielten, erspähte Rotzi Popel eine Flasche Limonade auf dem Tisch.

„Genau das Richtige!“, dachte er sich und begann, am Kleid des Mädchens hochzuklettern. Über ihren Ärmel hangelte er sich auf die Tischplatte und kroch zu der Flasche hinüber. Es war ein warmer Tag und die Flasche war eiskalt. Dicke Troofen Kondenswasser rannen an ihr herab. Rotzi Popel schlürfte sie dankbar auf. Das war eine Wohltat. Die Übelkeit war schnell nur noch eine schwache Erinnerung und er begann wieder, sich zu amüsieren. In der feucht-kühlen Nähe der Flasche schunkelte er sachte zur Polka und lauschte den Gesprächen um ihn herum.

Dem Mädchen gegenüber saßen zwei ältere Herren. Einer der beiden sagte gerade zum anderen: „Ich fahr gleich noch mit dem Riesenrad. Das durfte ich als kleiner Bub immer. Kommst du mit?“ Sein Freund stimmte zu. Rotzi Popel fiel siedendheiß ein, dass der Spatz ihn ja beim rieserad abholen wollte und vielleicht schon nach ihm suchte. So schnell er konnte, kroch er über den Tisch.

Er hätte sich aber gar nicht so sehr beeilen müssen, denn die Herren beschlossen gerade, zuerst noch gemütlich auszutrinken.

Da erscholl plötzlich ein Tusch von der Kapelle und mit einem Mal sang das ganze Festzelt:

Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, 

Ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit!

Beim letzten „Gemütlichkeit“ sang der Freund des älteren Herrn mit klarem Tenor die Oberstimme. Rotzi Popel war davon sehr angetan. Viele hatten sich von den Plätzen erhoben und stießen nun mit ihren Getränken an. So auch die beiden Herren. Allerdings taten sie dies so herzhaft, dass etwas Bier überschwappte und genau auf Rotzi Popel landete!

Vor lauter Schreck verschluckte er einige Mundvoll davon. Es schmeckte ihm nicht besonders. Es war herb, fast bitter. „Was die menschen nur daran finden?“, wunderte er sich.

Er kletterte auf den Ärmel eines der Herren und hielt sich fest. Plötzlich entfuhr ihm ein dicker Rülpser.  Ups! Er roch scheusslich. Rotzi Popel begann zu kichern. Dann schunkelte er im Takt der Musik und summte die Melodie mit. Es kam ihm jetzt alles unheimlich komisch vor. „He, Sie!“, rief er zu dem Herrn hinauf, „sum Riesenrad bidde! Hihihi!“

Nanu, warum fiel ihm das Sprechen njn so schwer? Egal, es war ja gerade alles so lustig. Nur dumm, dass ihn der Herr nicht gehört zu haben schien.

Endlich erhob er sich und steuerte mit seinem Freund auf das Riesenrad zu. „Auf gehts, auf gehts, mein Pferdchen!“, versuchte Rotzi Popel ihn anzutreiben, doch vergebens. Rotzi störte es aber nicht besonders, er kicherte.

Endlich saßen die Herren in einer Gondel. Schwerfällig löste Rotzi Popel sich vom Ärmel und kletterte auf den Rand, um nach seinem Freund, dem Spatz Ausschau zu halten.

Er sah ihn schon von weitem kommen und winkte ihm übermütig zu: „Juhu! Hier bin ich! Da komms du ja enlich, alter Kumpel!“ „Was ist denn mit dir los?“, wunderte sich der Spatz. „Bist du ezwa betrunken?“

„Kann sein, weiß nich“, hickste Rotzi Popel. „Wurde von Bier überschwemmt. Is aber egal, alles is so schön hier!“ Damit fiel er seinem Freund um den Hals. Der Spatz nutzte die Gelegenheit und bugsierte ihn geschickt auf seinen Rücken.

„Ich brkng dich nach Hause“, erklärte er entschieden, „Du musst deinen Rausch ausschlafen .“

„Nein, ich mag noch nich! S’is so lustich hier!“, versuchte Rotzi Popel sich zu wehren. Aber es war warm und gemütlich im Gefieder des Freundes und kurz darauf war er schon eingeschlafen .

Der Spatz flog mit dem schnarchenden Rotzi Popel sicher zurück an den Waldbach. Am hohlen Stein am Bach legte er ihn vorsichtig an seinen Platz zwischen Madame Moos und den Pilzen. „Geben sie gut auf ihn Acht“, bat er Madame Moos. „Irgendwer scheint uhn mit Bier übergossen zu haben. Er wird durstig sein, wenn er aufwacht.“

Madame Moos rümpfte ihre kleine grüne Nase. „Diese Menschen!“, schimpfte sie, „Keine Sorge, Herr Spatz, bei uns ist er in guten Händen.“

Und so endete für Rotzi Popel ein aufregender Tag. Er schnarchte die ganze Nacht hindurch und als er am nächsten Morgen erwachte, beschloss er, sie nie wieder mit Bier überschwemmen zu lassen.

Ein Kommentar zu „Rotzi Popel auf dem Kirtag

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