Rotzi Popel auf Wanderschaft

Eines Tages kam der Spatz wieder einmal zu Rotzi Popel geflogen. Er trug einen dicken Wurm im Schnabel und wirkte ganz aufgeregt. Er legte den Wurm ab und hielt ihn mit einem Fuß fest. Dann sagte er: „Grüß dich, Rotzi. Ich wollte dir nur schnell Hallo sagen. In nächster Zeit werde ich dich leider nicht abholen können. Mein Weibchen brütet gerade und wir hoffen, dass bald unsere Jungen schlüpfen. Da werden wir viel zu tun haben!“

„Ich gratuliere dir, mein Freund!“, rief Rotzi Popel. „Mach dir um mich keine Sorgen. Bring deine Jungen vorbei, wenn sie flügge sind, ich würde sie gerne kennenlernen. Und richte deiner Frau meine besten Wünsche aus.“

„Wird gemacht“, zwitscherte der Spatz. „Jetzt muss ich aber los. Sie wartet sicher schon auf ihr Mittagessen.“ Damit nahm er den Wurm wieder un den Schnabel und flog davon.

Rotzi Popel sah ihm nach. Die Ausflüge würden ihm fehlen. Aber wer sagte denn, dass er nicht auch alleine etwas erleben konnte?

Er wandte sich an seine Nachbarin: „Liebe Madame Moos, jetzt wohne ich schon eine ganze Weile in diesem schönen Wald und habe mich noch kaum darin umgesehen. Was sollte man hier denn so gesehen haben?“

Madame Moos überlegte. „Nun, da wäre einmal der hohle Baumstamm. Darin wachsen die unterschiedlichsten Moose und auch eine ganze Reihe bunter Pilze.“

„Das klingt verlockend“, warf Rotzi Popel ein.

„Ja, und dann gibt es noch den Brocken. Den sollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.“ „Der Brocken? Was ist das?“, erkundigte sich Rotzi Popel. „Oh, das ist ein riesiger Fels, der mitten im Wald liegt. Niemand weiß, wo er hergekommen ist. Es wird gemunkelt, Menschen hätten ihn vor langer Zeit dort abgelegt.“

„Ähem“, räusperten sich da die Pilze, „vergessen Sie nicht die große Eiche!“ „Ach ja, natürlich, die Eiche! Vielen Dank, liebe Pilze. Die sollten Sie auf keinen Fall versäumen. Sie ist riesig und reicht bis in den Himmel.“

Rotzi Popel beschloss, die Wanderung am nächsten Tag zu beginnen. Zur Vorbereitung nahm er in der Früh ein langes Bad, sodass er schön schleimig und glitschig wurde. Dann setzte er sich sein neues Eichelhütchen auf den Kopf und zog los.

Die Sonne fiel durch die Blätter und leckte den Bodennebel auf, der noch vereinzelt in den Niederungen lag. Hier und da blühten blaue Glockenblumen und Winka, und als Rotzi Popel um einen großen Busch herumkam, stand er plötzlich in einem Meer von weißen Waldanemonen. Es war ein herrlicher Tag.

Es dauerte gar nicht so lang, bis er zu dem hohlen Baumstamm kam.  Da lag er, ganz von Moos bewachsen, das Holz schwarz und bröselig von der Witterung. Neugierig sah Rotzi Popel  hinein. Vor ihm lang eine Wunderwelt. Während draußen die Sonne strahlte und Vögel zwitscherten, war es im hohlen Baumstamm dämmrig und still. Andächtig betrat Rotzi Popel den Baumstamm. Im Dämmerlicht erkannte er die unterschiedlichsten Moose. Gelblich-grün mit kurzen Flechten, smaragdgrün und grasig, tannengrün und flauschig, dunkelgrün mit winzigen sternförmigen Blüten, sogar eines von exotischem orange. Zwischen den Moosen wuchsen die unterschiedlichsten Pilze. Da gab es Pfifferlinge, Knollenblätterpilze, Saitlinge, Steinpilze und Fliegenpilze. Durch einzelne Risse im Holz fiel hier und da Licht. An diesen Stellen waren die Pflanzen besonders groß und prächtig.

Schließlich kam Rotzi Popel auf der anderen Seite des Stammes wieder heraus. Er atmete tief durch und kniff die Augen zusammen. Nach dem Dämmerlicht im Baum, blendete ihn das Sonnenlicht.

Bumm! Da schlug etwas Großes umd Hartes neben ihm auf dem Waldboden ein. Rotzi Popel fiel vor Schreck auf den Hintern. Da lag eine Walnuss, doppelt so groß wie er selbst und sie hatte ihn nur um Haaresbreite verfehlt! Wo mochte sie hergekommen sein? Über sich hörte er ein freches Schnattern. Da saß ein Eichhörnchen und hielt sich vor lachen den Bauch. Rotzi Popel wurde böse. „Findest du das vielleicht lustig?“, schrie er, „du hättest mich umbringen können!“

Das Eichhörnchen streckte ihm die Zunge heraus und hüpfte durch die Äste davon.

Leise vor sich hinschimpfend rappelte Rotzi Popel sich wieder auf. Dann sah er sich um, sah den Sonnenschein, sah den Wald und die Blumen und verscheuchte die ärgerlichen Gedanken.

Es dauerte gar nicht lange, da stand er schon vor dem Brocken. Eigentlich war es mehr ein Klotz, fand er. Rotzi Popel war sich sicher, dass hier Menschen ihre Finger im Spiel gehabt hatten. Die Kanten des Brocken waren viel zu gerade und ebenmäßig, um natürlich zu sein. Der Brocken war aus rot-braunem Sandstein. An seinen Seiten rankte sich Efeu empor und eine Ameisenstrasse führte quer über seine gesamte Breite. Rotzi Popel bekam große Lust, hinaufzuklettern. Kurzentschlossen stapfte er zur Efeuranke und begann, daran emporzuklimmen. Es war anstrengend, aber schließlich hatte er es geschafft.

Der Ausblick war herrlich! Auf der Oberseite war der Brocken von Wind und Wetter recht zerklüftet. Rotzi Popel erfrischte sich mit Regenwasser, das sich in einer Spalte gesammelt hatte, dann setzte er sich auf die Steinkante und ruhte sich aus. Er saß ganz still. Da sah er eine Familie Kaninchen unter den Bäumen hin und her hoppeln und Klee mümmeln. Er beobachtete sie vergnügt. Plötzlich schlug eines mit den Hinterbeinen warnend auf den Boden und im nächsten Augenblick waren sie verschwunden. Rotzi Popel wunderte sich noch darüber, da sah er einen Fuchs geduckt durchs Gebüsch schleichen. Rotzi Popel hielt die Luft an. Doch der Fuchs kümmerte sich nicht um ihn und schlich weiter.

Auch Rotzi Popel beschloss, sich wieder auf den Weg zu machen. Wenn er es heute noch zur großen Eiche und wieder zurück nach Hause schaffen wollte, musste er sich beeilen.

Also kletterte er mühsam vom Brocken herunter und marschierte weiter. Um sich die Zeit zu vertreiben, pfiff er vor sich hin. Hier und da holte er sich eine kleine Stärkung. Ein Walderdbeerchen, ein Sauerkleeblatt, ein paar Tropfen Tau aus einem Blütenkelch.

Mit einem Mal lichtete sich der Wakd und Rotzi Popel trat auf eine Lichtung. Genau in der Mitte der Lichtung stand die große Eiche. Sie war genauso riesig, wie Madame Moos sie beschrieben hatte. Rotzi Popel legte den Kopf so weit in den Nacken, dass ihm fast sein Eichelhütchen vom Kopf gepurzelt wäre. Es gelang ihm dennoch nicht, den Baumwipfel zu sehen.

Staunend ging er näher, bis er zu ihrem borkigen Stamm kam. Er war so dick, das drei Männer nicht ausreichten, um ihn zu umspannen.

Rotzi Popel hatte gute Lust, ein wenig emporzuklettern. Welche Aussicht man erst von weiter oben haben musste! Die Eiche war ja viel höher als der Brocken.

Die Rinde des Baumes war sehr rissig, so konnte Rotzi Popel leicht daran hinauf klettern. Er war allerdings noch nicht weit gekommen, da traf ohn etwas Hartes am Kopf. Zum Glück schützte ihn sein Eichelhütchen. „He!“, rief er, „wer wirft da?“

ZACK! Schon wieder hatte ihn etwas getroffen. Und jetzt schon wieder! Es schienen Eicheln zu sein. Rotzi Popel presste sich fest an die Rinde und versuchte, den Ursprung des ungewöhnlichen Hagels zu entdecken.

Da saß schon wieder das freche Eichhörnchen von früher am Tag. Es hatte einen ganzen Berg Wurfgeschosse neben sich aufgestapelt. Nicht nur Eicheln, auch Haselnüsse, Tannenzapfen und kleine Stöckchen. „Sag mal, gehts dir noch gut?!“, schrie Rotzi Öopel zornentbrannt. Das Eichhörnchen antwortete nicht, zielte aber mit einer Haselnuss auf ihn und keckerte boshaft.

Rotzi Popel wurde böass und drückte sich noch enger an den Baum. Doch ehe das Eichhörnchen schießen konnte,  spürte Rotzi Popel plötzlich einen warmen Atem kn seinem Rücken. Ds Eichhörnchen kreischte ärgerluch unx verschwand.

Ängstlich sah Rotzi Popel über seine Schulter und wäre vor Schreck fast abgestürzt. Vor ihm stand ein riesiger Hirsch, ein prächtiger Zwölfender. Seine feuchte braune Nase war kaum einen Fingerbreit von ihm entfernt. „Ha…ha…hallo“, stammelte Rotzi Popel, „bitte, friss mich nicht!“

„Keine Sorge, Kleiner“, brummte der Hirsch. „Das lohnt sich ja gar nicht. Aber sag mal, wer bist du eigentluch und was machst du hier?“

Rotzi Popel sagte: „Mein Name ist Rotzi Popel. Ich wohnte früher in der Nase eines kleinen Mädchens, lebe aber jetzt schon eine ganze Weile in diesem schönen Wald. Ich wollte mir heute mal die Sehenswürdigkeiten ansehen. Leider scheint mich ein freches Eichhörnchen zu verfolgen.“

„Ja, diese Eichhörnchen können eine ziemliche Plage sein“, stimmte ihm der Hirsch zu. „Wenn du willst, bringe ich dich heute nach Hause. Dann bist du vor dem Quälgeist sicher.“

„Danke, das wäre zu freundlich“, nahm Rotzi Popel das Angebot erleichtert an. Der Hirsch neigte sein Haupt und Rotzi Popel kletterte aus der Borke auf das Geweih.

Es war herrlich, im Geweih zu sitzen. Er konnte sogar fast die Spitze der großen Eiche sehen.

Während der Hirsch ihn durch den Wald trug, erzählte er ihm allerhand über die verschiedenen Tiere des Waldes. Sie sahen eine Wildschweinmutter, die mit ihren Frischlingen den Boden nach Wurzeln und Pilzen durchwühlte, einen Igel, viele Vögel.

Rotzi Popel erzählte dem Hirsch von seinem Freund, dem Spatz und von ihren Ausflügen. Als sie beim hohlen Stein am Bach ankamen,  waren sie schon Freunde. „Ich kann dir leider nicht so viel Aufregung, wie in der Stadt bieten „, sagte der Hirsch zum Abschied,  „aber wenn du Lust hast, zeige ich dir den ganzen Wald.“

„Sehr gerne“, willigte Rotzi Popel ein. Er sah seinem neuen Freund nach, als der durch das Dickicht verschwand. Dann ging er in den hohlen Stein, um Madame Moos und den Pilzen alles über seinen aufregenden Tag zu erzählen.

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