Rotzi Popel im Herbst

Eines Tages erwachte Rotzi Popel in seinem Stein am Bachufer und bemerkte etwas Seltsames. Die Waldluft duftete ganz anders als sonst. Da war ein neuer, frisch-herber Geruch, der ihm gleichzeitig interessant und unheimlich erschien. Er sog ihn tief ein. Irgendwie roch er nach Kälte und gleichzeitig nach Feuer. Rotzi Popel reckte und streckte sich und da bemerkte er noch etwas Seltsames. Er konnte seine Füße nicht vom Stein losbekommen. Sie schienen festzukleben.

Nachdenklich kratzte sich Rotzi Popel am Kopf. War er etwa ausgetrocknet? Aber das konnte ja nicht sein, der Stein war ja immer feucht!

Prüfend fuhr er mit dem Finger über den Stein. Die Oberfläche fühlte sich ganz glatt an und war eiskalt. Nun bemerkte er, dass Madame Moos und die Pilze spinnwebfeine weiße Häubchen zu tragen schienen. Gerade stieg die Sonne über dem Horizont auf und schickte ihre ersten Strahlen durch die Bäume. Da glitzerten die weißen Häubchen als wären sie mit Kristallen besetzt. Staunend bewunderte Rotzi Popel das Funkeln. Darüber vergaß er ganz, dass er festgeklebt war.

In diesem Moment erwachte Madame Moos und gähnte herzhaft. Dann rieb sie sich die Augen und sah sich um. „Na, so was!“, rief sie, „der erste Frost kommt dieses Jahr aber früh!“

„Frost?“, fragte Rotzi Popel, „was ist das?“

„Na, das hier“, lachte Madame Moos und schüttelte ein paar Eiskristalle aus ihrer grünen Haarpracht. Dann erklärte sie: „Frost, das ist, wenn es Nachts so kalt wird, dass es friert. Dann sitzen am Morgen nicht Tautropfen auf den Blättern und Halmen, sondern Eiskristalle. Wenn es Frost gibt, ist der Winter nicht mehr weit.“

„Aha“, meinte Rotzi Popel. „Ist der Frost dann vielleicht auch Schuld, dass ich hier festklebe?“

„Aber sicher doch, lieber Freund“, nickte Madame Moos. Als sie seinen erschrockenen Gesichtsausdruck sah, fügte sie sogleich beruhigend hinzu: „Keine Sorge, die Sonne wird den Frost bald tauen. Es sieht aus, als würde es heute wieder ein sonniger Tag werden.“

Tatsächlich, keine halbe Stunde später, als die Pilze eben verschlafen in den Morgen blinzelten, war der Frost soweit geschmolzen, dass Rotzi Popel mit etwas Mühe seine Füße vom Stein lösen konnte.

Während er aufs Auftauen gewartet hatte, hatte sich Rotzi Popel gründlich umgesehen und festgestellt, dass sich der Wald, von ihm gänzlich unbemerkt, verändert hatte. Die Blätter waren bunt geworden. Gelb bei den Birken, braun bei den Buchen und Eichen und leuchtend orange-rot beim Ahorn. Auch die Rosen am Bachlauf blühten nicht mehr. Dafür zierten pralle rote Hagebutten die Dornenranken. Auf dem Waldboden lagen Kastanien, Eicheln, Bucheckern und natürlich jede Menge trockenes Laub.

Die Eichhörnchen waren eifrig damit beschäftigt, den Reichtum aufzusammeln und in den unterschiedlichsten Verstecken zu verstauen.

„Wenn es doch kalt wird und der Winter kommt, warum riecht es dann nach Feuer?“, überlegte Rotzi Popel laut.

„Weil die Menschen heizen, damit sie nicht frieren!“, riefen die Pilze.

„Und was machen wir, wenn es richtig kalt wird?“, fragte Rotzi Popel ratlos.

„Für gewöhnlich verpennen wir den Winter“, quäkte der kleinste Pilz. „Ja, pflichteten die anderen ihm bei, „da ist eh nix los.“ „Außerdem merkt man im Schlaf die Kälte nicht“, mischte sich nun Madame Moos wieder ein, „und im Frühjahr ist man dann ordentlich ausgeruht, um wieder zu wachsen und zu blühen.“ Sie griff sich ins Haar. „Ich bin schon ganz vergilbt.“

„Ach, liebe Madame Moos, ich finde, das Gelb ist doch mal eine nette Abwechslung“, zwitscherte der Spatz, der gerade mit seiner ganzen Familie angeflattert kam. Zu Rotzi Popel gewandt fuhr er fort: „Die Menschen von dem Bauernhof hinterm Wald wollen heute Maroni braten. Da fällt für uns sicher auch was ab. Hast du Lust, mitzukommen?“

Rotzi Popel sagte sofort zu. Während Madame Moos sich ein wenig wehmütig mit den Fingern durch ihre vergilbende Haarpracht fuhr, kletterte er ins Gefieder des Spatzen und klebte sich gründlich fest.

Familie Spatz flog los. Während des Fluges rief Rotzi Popel: „Wenn ich fragen darf, wie verbringen Sie eigentlich den Winter, Herr Spatz?“ „Frierend!“, lachte der Spatz, „deshalb müssen wir uns jetzt ordentlich Winterspeck anfuttern. Zum Glück stellt die Familie, zu der wir heute fliegen, immer ein Vogelfutterhäuschen auf.“

Wenige Minuten später waren sie da. Schon von oben konnten sie den Rauch des Feuers riechen. Die jungen Spatze begannen aufgeregt zu zwitschern. Sie landeten in der Nähe der Scheune, wenige Meter von einer Gruppe Jungen entfernt. Die Jungen hatten jeder ein Messer in der Hand. Vor ihnen standen zwei große Schüsseln mit Kastanien. Die Jungen nahmen aus einer Schüssel die Kastanien, ritzten sie mit ihren Messern an und warfen sie dann in die andere Schüssel. Die jungen Spatze hüpften hoffnungsvoll in Richtung der Buben, doch Frau Spatz hielt sie zurück. „Geduldet euch noch ein wenig, diese da sind noch nicht geröstet. Man kann sie zwar zur Not essen, aber die gebratenen schmecken viel besser!“

Herr Spatz hatte sich in der Zwischenzeit einen Überblick verschafft und deutete nun mit einem Flügel Richtung Haus. „Dort drüben haben sie den Bräter aufgestellt. Seht ihr diese rauchende Tonne? Darin ist das Feuer. Die Kastanien werden in einer Art Pfanne darin gebraten und kommen als köstliche Maroni wieder heraus“, erklärte er.

In diesem Moment ging die Bauersfrau über den Hof zu den Jungen hinüber, die mittlerweile schon einen ordentlichen Berg Kastanien angeritzt hatten. Sie nahm die Schüssel mit den angeritzten Kastanien und ging damit zum Bräter. Familie Spatz und Rotzi Popel folgten ihr in sicherer Entfernung.

Die Frau füllte eine Portion Kastanien in die Pfanne über dem Feuer und setzte dann einen Deckel auf die Tonne. Kurz darauf breitete sich der Duft frischer Maroni aus.

Nun kam auch der Bauer aus dem Haus, an den Händen große feuerfeste Handschuhe. Damit schüttelte er die Maronipfanne und strich über die bratenden Kastanien, so dass sie schön gleichmäßig rösteten.

Die Bauersfrau verschwand nun im Haus und kehrte kurz darauf beladen mit Gerränken wieder zurück. Das schien das Stichwort für die gesamte Familie zu sein, sich um den Maroniofen zu versammeln.

Endlich füllte der Bauer die fertigen Maroni in einen großen Topf und seine Frau deckte sie mit einem feuchten Geschirrtuch zu.

„Wann bekommen wir endlich was?“, fiepten die jungen Spatze nun ungeduldig. „Es dauert nur noch einen Moment“, beruhigte sie ihr Vater. „Sobald die Menschen anfangen, die Maroni zu schälen. Die schlechten Teile werfen sie weg und die holen wir uns dann.“

Die jungen Spatze machten lange Gesichter. „Die schlechten Teile? Wir wollen doch aber auch was Gutes!“

Frau Spatz lachte: „Die schlechten Teile für die Menschen. Für uns sind das die besten Teile. Es sind die mit den Würmern. Die Menschen sind ein bisschen dumm. Die wollen die guten Würmer nicht!“

Es kam, wie Herr Spatz gesagt hatte und Familie Spatzpickte fröhlich nach den Leckerbissen. Die Menschen lachten über die vorwitzigen Vögelchen und warfen ihnen die wurmigen Maroni zu.

Nach einer Weile wollte sich einer der Jungen, die zuvor die Kastanien angeritzt hatten, ein Späßchen erlauben und stellte den Spatzen ein Schälchen jungen Weines hin. Familie Spatz roch kurz an dem Getränk, wollte aber nichts davon. Anders Rotzi Popel. Er fühlte schon, wie er wieder auszutrocknen begann und sehnte sich nach etwas Feuchtigkeit. Er konnte ja nicht ahnen, dass der junge, noch gärende Wein Alkohol enthielt…

Als Herr Spatz das nächste Mal an dem Schälchen vorbeihüpfte, ließ Rotzi Popel sich von seinem Rücken fallen und landete genau neben dem Schälchen. Er schnupperte vorsichtig. Die Flüssigkeit dufrete süß, fast wie Limonade. Das kannte er noch von Früher, als er in der Nase des kleinen niedlichen Mädchens gehaust hatte. Sie hatte sich einmal an Limonade verschluckt und sie war ihr zur Nase wieder heraus gelaufen.

Rotzi Popel probierte erst ein Schlückchen und kletterte dann ganz in die Schale, um sich ein bisschen einzuweichen. Er merkte sehr schnell, dass es sich nicht um Limonade handelte! Zuerst wurde ihm ganz warm im Bauch, dann war ihm.nach Singen zumute. Aber alleine singen machte keinen Spaß – wo war nur sein Freund, der Spatz?

Entschlossen kletterte er aus seinem Bad. Nanu, was war das? Der Boden schien zu schwanken? „Juhu! Spatz alter Freund!“, rief Rotzi Popel, „Wo steckst du? Lass uns was singen!“

Da kam Herr Spatz schon angehüpft. Ein Blick auf Rotzi Popel genügte ihm, um zu begreifen, was ihm widerfahren war. „Bin schon da, mein Guter. Wenn du singen willst, steig auf, dann höre ich dich besser. Außerdem singt es sich in der Luft viel besser.“

Mühsam krabbelte Rotzi Popel auf den Rücken des Spatzes. Er brauchte mehrere Anläufe, doch schließlich hatte er es geschafft. Herr Spatz schlug mit den Flügeln und hob ab. Von oben rief er seiner Frau noch zu: „Bin gleich wieder da, muss nur schnell unseren Freund heimbringen. Er hat zuviel aus dem Schälchen erwischt.“

Frau Spatz winkte von unten. Rotzi Popel aber ließ sich die frische Herbstluft um die Nase streichen und bemerkte, wie sein Kopf wieder klarer wurde. Er hatte dennoch große Lust zu singen. Für einen Popel hatte er eine sehr wohlklingende Stimme und die Menschen unten im Hof sahen dem Spatz verwundert hinterher, als es von oben über den Hof schallte: „Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt…

Herr Spatz brachte Rotzi Popel sicher an den Bachlauf zu dem Stein, wo er noch lange weitersang, lautstark unterstützt von den Pilzen. Der Spatz kehrte zurück zu seiner Familie und futterte sich noch ordentlich voll. Denn der Winter würde nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.

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