Eine ungewöhnliche Begegnung – für Erwachsene

Neulich abends sitze ich vor der Glotze und sehe fern. Nein, eigentlich sitze ich vor dem Fernseher und glotze. Ich zappe durch die Programme. In diversen Krankenhausserien scheinen seit der Schwarzwaldklinik nur die Schauspieler gewechselt zu haben, im Reality TV zicken sich zu dünne Mädchen an und heulen publikumswirksam in die Kamera und verschiedene Jurys fällen vernichtende Urteile über mittelmäßig begabte Sänger.

Eine Weile bleibe ich auf den Kultursendern mit ihren Reisedokus hängen, aber auch das langweilt mich heute.

Eine tiefe Schwermut überkommt mich. Wo liegt eigentlich der Sinn dieses meines öden Daseins? Bin ich nicht eigentlich nur ein Schädling für unseren wunderbaren Planeten? Und wenn es einen Gott gibt, warum zermalmt er mich dann nicht unter seinem kosmischen Stiefelabsatz?

Weil ich schon einige Erfahrung mit Schwermut habe, entscheide ich mich für den Emergency Exit, schnappe mir meine Jacke und marschiere durch den Frühsommerabend in die nächste Bar.

Meine Lieblingsbar liegt an der Ecke des Hauptplatzes und ist zu meinem Entzücken seit kurzem rauchfrei. Früher musste ich mir nach jedem Barbesuch oft noch mitten in der Nacht die Haare waschen, wollte ich nicht durch den Gestank meiner eigenen Lockenpracht im Schlaf belästigt werden. Wer langes Haar hat und selbst nicht raucht, weiß, wovon ich spreche.

Ich überlege, ob ich mich an einen der Tische an der Straße setze, doch es sind kaum Leute unterwegs. Ohne Ablenkung bekommt mich die Schwermut wieder in ihre unerbittlichen Krallen. Darum gehe ich hinein und setze mich direkt an die Bar. So kann ich zumindest der Bardame zusehen und, doppelter Bonus, will sie ein Trinkgeld, ist sie zumindest animiert, sich von Zeit zu Zeit ein wenig mit mir zu unterhalten.

Aus Erfahrung weiß ich, dass bei Schwermut ein Aperol-Spritzer ein durchaus brauchbares Antidot ist. Aber Vorsicht bei der Dosierung! Ein Übermaß hat leider gegenteiligen Effekt. Auch das ein Erfahrungswert.

Geduldig beobachte ich die Bardame, während sie mein Getränk mischt und anrichtet und es mir mit einem Lächeln vorsetzt. Ein guter Anfang!

Während ich genüsslich den ersten Schluck aus dem Strohhalm sauge, öffnet sich hinter mir die Tür und das unmissverständliche Geräusch von Hufen nähert sich. Ein Pferd in einer Bar? Neugierig werfe ich einen Blick über meine Schulter. Was hat die Bardame in meinen Aperol-Spritzer getan?!

Eben hat ein Einhorn mit Feenflügeln die Bar betreten. Sein Fell ist weiß und schimmert wie Perlmutt, Mähne und Schweif sind golden mit rosa Strähnchen, die Hufe glänzen silbern, die Feenflügel zart violett. Kurioserweise geht es auf den Hinterbeinen und trägt ein perlenbesticktes Handtäschchen an einem seiner Vorderhufe. Zwischen seinen Ohren sitzt ein zierliches kristallenes Krönchen. Gelangweilt lässt es den Blick aus großen, dunklen, dichtbewimperten Augen durch den Raum schweifen und landet schließlich bei mir. Es schenkt mir ein Zahnpastawerbunglächeln, kommt zu mir rüber und setzt sich neben mich an die Bar.

Ich starre noch immer ziemlich idiotisch. Die anderen Gäste und die Bardame scheinen das geflügelte Einhorn zwar alle entrückt anzuhimmeln, sind aber durch seine Anwesenheit nicht im Geringsten verwirrt. Also schließe ich meinen Mund, damit ich mich nicht länger zum Deppen mache.

Guten Abend“, sagt das Einhorn zu mir, „Sind sie auch gelangweilt von Gott und der Welt?“

Äh?“, bringe ich wenig geistreich hervor. „Wie unhöflich von mir“, säuselt da das Einhorn mit zarter Stimme, „ich habe mich ja gar nicht vorgestellt. Ich bin die Einhornfeenprinzessin.“ „Oh!“, schaffe ich diesmal, „die Einhornfeenprinzessin?“ „Ja“, bestätigt das Einhorn, „und Sie sind?“, lässt es die Frage elegant in der Luft hängen.

Endlich fange ich mich wieder. Ich fühle mich zwar immer noch, als hätte man mich in die Mädchenabteilung eines Spielzeugladens gezerrt und dort festgekettet, aber hey, damit kann ich umgehen. „Verzeihung, mein Name ist Elisabeth.“ „Ach, wie die Kaiserin?“, ruft die Einhornfeenprinzessin entzückt, „das ist ja reizend! Aber ich darf schon Lissi sagen, nicht wahr?“, flötet sie und klimpert mich mit langen Wimpern, für die die zu dünnen Mädchen im TV nebenbei morden würden, verführerisch an. Das Problem ist, ich hasse Lissi, abgrundtief. Ich habe eine ebenso unerklärliche wie festverankerte Aversion gegen diese Abkürzung. Ich versuche, diplomatisch zu sein: „Meine Freunde nennen mich Lisbeth.“

Ach Quatsch“, fährt die Einhornfeenprinzessin drüber, „Lissi ist viel netter!“ Zum Glück erscheint an dieser Stelle die freundliche Bardame. Die Einhornfeenprinzessin bestellt sich einen Prosecco, was sonst. Wie bereits erwähnt, scheint die Bardame von meiner seltsamen Sitznachbarin vollkommen betört zu sein. Auf der anderen Seite ist sie noch sehr jung und hat vermutlich selbst noch vor kurzem in der rosa Mädchenabteilung des Spielzeugladens eingekauft.

Na denn, Prost!“ Die Einhornfeenprinzessin hält mir ihr Glas hin und wir stoßen an. Da öffnet sich erneut die Tür und wieder ertönt Hufgetrappel. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich vor dem Fernseher eingeschlafen bin und das alles nur träume. Ich zwicke mich heimlich, um aus diesem bizarren Traum zu erwachen. Dann fällt mir jedoch ein, dass ich mich ja nur im Traum zwicke, wenn ich denn träume, ergo, das hilft auch nicht.

Ein Blick über die Schulter zeigt mir, dass soeben ein Esel die Bar betreten hat. Abgesehen davon, dass er ebenfalls auf den Hinterbeinen geht, scheint er ein ganz normaler Esel zu sein. Er sieht sich kurz um und setzt sich dann auch an die Bar. Allerdings an das am weitesten von uns entfernte Ende. Weil die Bar leicht gebogen ist, kann ich ihn gut sehen.

Pfh, Prolet!“, schnaubt da die Einhornfeenprinzessin neben mir. „Wie der schon aussieht!“ „Wieso?“, frage ich, „das ist doch nur ein Esel.“ „Eben!“, ereifert sich die Einhornfeenprinzessin. „Diese Esel sollten ruhig mal etwas aus sich machen! Unsereins ist wenigstens schön!“ „Und?“, erwidere ich. Ich verstehe nicht, was die Einhornfeenprinzessin für ein Problem hat. Mir persönlich gefällt der Esel. Er hat graues Fell, lange Ohren, ein weißes Maul und wunderschöne Augen. Außerdem scheint er genau zu wissen, worüber wir sprechen – die langen Ohren scheinen da im Spiel zu sein – und prostet mir mit seinem Bierglas verschmitzt zu. „Ach, was bist du naiv!“, lenkt die Einhornfeenprinzessin meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Ich bin schön, darum mögen mich die Leute. Wenn ich mal was Dummes sage oder mache, nimmt mir das niemand übel. Über mich werden Märchen geschrieben, ich mache die Welt besser! Esel hingegen…“ Sie lässt den Satz in der Luft hängen und wirft einen abschätzigen Blick auf das Langohr. „Auch Esel kommen in Märchen vor“, wende ich ein. „Aber doch nur als Lachnummer“, schnaubt die Einhornfeenprinzessin entrüstet, „als verfehlte Musikanten und Goldscheißer!“

Ich verschlucke mich an meinem Aperol-Spritzer. So vulgäres Vokabular hätte ich der Einhornfeenprinzessin nicht zugetraut. Als ich fertig gehustet habe, frage ich: „Wie genau machst du die Welt besser?“ „Na, durch meinen Zauber! Das ist doch offensichtlich!“, flötet das Einhorn. „Ah, dann kannst du wirklich zaubern?“, erkundige ich mich interessiert. „Aber nein, Lissi, das gibt es doch nur im Märchen.“ Das hatte jetzt definitiv einen recht herablassenden Beiklang. „Ich meinte das metaphorisch. Wo immer ich hinkomme, sind die Menschen von mir bezaubert. Sie werden ganz glücklich, wenn sie mich nur sehen. Darum mache ich die Welt besser.“

Mit einer arroganten Geste schleudert die Einhornfeenprinzessin sich die goldene Mähne mit den rosa Strähnchen aus dem Gesicht und hebt mit dem silbernen Huf ihr Sektglas zu einem langen Zug. Ich bleibe stumm. Ich will nicht total unhöflich sein, darum sage ich lieber erstmal nichts. Die Einhornfeenprinzessin macht eine kurze Pause, dann fängt sie wieder an: „Heutzutage hat man ja so einen Stress! Wie gehst du damit um? Ich meine, man hat ja kaum mal Zeit für sich!“ Wieder schlürft sie etwas Prosecco. Ehe ich antworten kann, fährt sie auch schon fort: „Also, ich mache jetzt Yoga, kann ich wirklich nur empfehlen. Leider ist der Kurs Dienstags und da hab ich eigentlich schon Faszientraining. Das ist vielleicht ein Gehetze, kann ich dir sagen. Aber der andere Yoga-Kurs ist Freitags und da geh ich immer zum Zumba.“ „Und was machst du sonst so? Ich meine, so zum Geld verdienen?“, schaffe ich einzuwerfen. „Na, was meinst Du denn, bei meinem Aussehen?“ Bevor ich auch nur ansatzweise raten kann, löst sie das Rätsel auf: „Ich mache in PR und bin gelegentlich auch in Filmen zu sehen. Aber nur Teilzeit. Ich hab’s ne Weile Vollzeit versucht, aber das war einfach zu viel. Warum so viele Leute Vollzeit arbeiten verstehe ich wirklich nicht! Die müssen alle verrückt sein!“ Sie flattert kokett mit ihren zart-violetten Feenflügeln. „Vielleicht weil sie es sich anders nicht leisten können. Ist ja nicht jeder so eine Augenweide wie du“, rutscht es mir heraus. Zum Glück scheint die Einhornfeenprinzessin immun gegen Sarkasmus zu sein. Der Esel hingegen prustet in sein Bier. Wir teilen ein heimliches Augenzwinkern. Ich würde mich ja viel lieber zu ihm rüber setzen, weiß aber nicht, wie ich der Einhornfeenprinzessin entkommen soll. Die quatscht schon wieder los: „Hast du eigentlich eine gute Putze? Es ist so schwer gute Leute zu finden!“ „Nein“, sage ich kurz, „ich putze selbst.“ „Zu schade“, seufzt sie und leert ihr Glas. „Ich kann dir aber einen guten Friseur empfehlen. Deine Haare brauchen einen anderen Schnitt! Du siehst ja wild aus!“ Nach einem Blick auf meine Hände fügt sie nüsternrümpfend hinzu: „Und ein Nagelstudio! Ich gehe morgen wieder, dann kannst du gleich mitkommen.“ Sie ignoriert die Bardame, die ihr eben ein frisches Glas Prosecco hinstellt, wieder mit einem anhimmelnden Lächeln – Adieu, Trinkgeld von mir – und sieht mich erwartungsvoll an. Ich nehme mir einen Moment, um meinen Aperol-Spritzer auszutrinken und nehme dann all meinen Mut zusammen. Zu sagen, ich sein kein Freund von Konflikten wäre eine Untertreibung, aber hier hilft wohl bloß brutale Ehrlichkeit. Also lächle ich und sage: „Nein, danke, ich möchte nicht morgen mit dir ins Nagelstudio gehen. Maniküre ist bei mir auch umsonst, ich arbeite nämlich viel in meinem Garten. Ich brauche auch keinen neuen Friseur, ich mag meine Haare so wie sie sind. Nebenbei, ich bin eine von den Verrückten, die Vollzeit arbeiten. Und nicht nur, weil ich gerne arbeite, was ich tue, sondern auch, um alle meine Rechnungen bezahlen zu können. Außerdem finde ich es unmöglich, was du vorhin über den Esel gesagt hast. Esel machen die Welt nämlich tatsächlich besser! Sie arbeiten hart, und haben das Herz am rechten Fleck und haben es echt nicht verdient, dass du so über sie herziehst! Bisschen Respekt vor anderen würde dir nicht schaden! Und ich heiße nicht Lissi!“, schließe ich energisch. Die Einhornfeenprinzessin sieht mich einen Augenblick sprachlos an und kramt dann eine Schachtel Zigaretten aus ihrem perlenbestickten Handtäschchen hervor. Ich zahle gerade mein Getränk und merke deswegen erst zu spät, was sie da macht. Als ich mich wieder zu ihr umdrehe, um mich zu verabschieden – man hat ja trotzdem Manieren – hat sie die Fluppe gerade zwischen ihren rosa Lippen. Nachdem mein Ruf jetzt eh schon ruiniert ist, nehme ich kein Blatt mehr vor den Mund: „Hier ist Rauchverbot!“, fauche ich und nehme meine Jacke. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der Esel zahlt und mir folgt. Ich hatte echt genug schräge Erlebnisse für einen Abend, darum ignoriere ich ihn. Ich meine, eine Einhornfeenprinzessin, jetzt mal im Ernst! Und ein Esel! In meiner Lieblingsbar!

Doch dann ruft er mir nach: „Jetzt warte doch mal!“ Seine Stimme klingt anders, als ich erwartet hatte, weich und tief. Mit einem Seufzer drehe ich mich um. „Ich wollte mich nur bedanken“, sagt der Esel. „Passiert nicht oft, dass mal einer für Esel wie mich aufsteht. War echt lustig, wie du der blöden Kuh die Meinung gegeigt hast.“ Nachdem ich mein Pulver verschossen habe, fühle ich mich plötzlich sehr müde. „Ach, das war notwendig. Ich bin einfach geplatzt“, brumme ich. „Hm“, meint der Esel und sieht mich einen langen Augenblick an. Dann grinst er und knufft mich mit dem Huf in den Arm. Tut ganz schön weh. Ist aber egal, ich mag den Typen irgendwie. „Komm“, sagt er, „ich lad dich auf nen Drink ein. Dann ist dein Abend nicht ganz im Eimer. Ich kenn nen guten Laden hier um die Ecke, da ist auch die Gesellschaft besser!“ „Okay“, sag ich, während ich mir den Arm reibe, „schlimmer kanns ja nicht mehr werden.“ „So schauts aus!“, pflichtet mir der Esel bei. „Ist aber wohl kein Stall, oder?“, frage ich vorsichtshalber nach. Da fängt der Esel an, wiehernd zu lachen. „Quatsch“, sagt er, als er sich einigermaßen beruhigt hat. „Lässt sich aber machen, wenn du auf sowas stehst“, dabei wackelt er anzüglich mit den Ohren. „Äh“, stammle ich „ich bin mit einer normalen Bar ganz zufrieden!“ „Keine Angst, ich mach nur Spaß“, kichert der Esel, „das nächste Mal vielleicht.“ Als wir um die Ecke biegen, dröhnt uns gedämpfte Rockmusik entgegen. „Ich hoffe, du hast nichts gegen Old-School Rock?“, fragt der Esel. Ich schüttle grinsend den Kopf. „Genau mein Ding!“, brülle ich über den Lärm, der uns einhüllt, als er die Tür öffnet. Drinnen rocken schon ein Strauss und ein Tiger auf der Tanzfläche ab, während eine Kuh, ein Eber, diverse Nagetiere und ein paar Menschen an der Theke stehen. Sieht gut aus, beschließe ich, und folge dem Esel hinein.

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