Rotzi Popel hält ein Nickerchen

Die Tage wurden jetzt immer kälter, immer öfter gab es in der Früh Frost der im Morgenlicht glitzerte und Rotzi Popel blendete. Am Rand des Baches bildete sich eine schmale Eisschicht und auch die letzten Blätter waren längst von den Ästen gefallen. Einzig die Nadelbäume standen noch grün und unberührt da.

Rotzi Popel beobachtete diese Veränderungen neugierig. Er konnte sich noch an den letzten Winter erinnern, auch wenn er nichts von ihm gesehen hatte. Damals hatte er ja noch in der Nase des kleinen Mädchens gewohnt. Sie war gerne Schlitten fahren gegangen. Rotzi erinnerte sich gut an das herrliche Gefühl, einen Hang hinunter zu sausen. Sie hatte mir ihren Freunden Schneeballschlachten gemacht, bei denen sie auch mal einen Schneeball auf die Nase bekommen hatte. Außerdem hatte sie im Winter einen ziemlichen Schnupfen gehabt. Sie hatte sich so kräftig geschnäuzt, dass Rotzi Popel beinahe im Taschentuch gelandet wäre und sein Leben in der Mülltonne hätte beenden müssen.

Rotzi Popel konnte den ersten Schnee kaum erwarten. Er wollte auch Schlitten fahren und Schneeballschlachten machen.

Endlich war es soweit. Als Rotzi Popel eines Morgens erwachte, fielen sanft und vollkommen lautlos dicke weiße Flocken vom Himmel. Es war noch dunkel, doch der Schnee schimmerte weiß durch die Finsternis. Ab und zu hörte er leises Knirschen. Das waren die Rehe, die durch die Dunkelheit stapften. Sie schnaubten und suchten unter der Schneedecke nach etwas zu Fressen.

Als es endlich hell wurde, wachten auch die Pilze auf. Sie reckten sich und warfen missmutige Blicke in den Himmel. “Heute lohnt sich das wachwerden nicht!”, meckerte einer. “Schlaft weiter, Freunde, ab jetzt ist Winterschlaf angesagt!”

Madame Moos regte sich auch gerade, gähnte einmal herzhaft und murmelte: “Verzeihen Sie, lieber Rotzi, sie müssen die nächste Zeit ohne uns auskommen.” Damit schloss sie die Augen und versank in ihre Träume.

“Ja, aber was soll ich denn jetzt machen? Wer geht denn mit mir Schlitten fahren?”, fragte Rotzi Popel etwas ratlos. Doch er bekam keine Antwort. Der Schnee fiel weiter und deckte Madame Moos und die Pilze schnell zu.

Kurz darauf nahte allerdings die Rettung in Form von Familie Spatz. “Hallo! Hallo!”, zwitscherte Herr Spatz fröhlich, “Der erste Schnee und mein Freund Rotzi ist noch nicht unterwegs? Komm, wir wollen uns amüsieren!”

“Ihr kommt gerade recht!”, lächelte Rotzi Popel, “hier machen alle Winterschlaf und ich will doch so gerne Schlittenfahren gehen!” “Dann hopp, steig auf, ich weiß den besten Hang”, rief der Spatz. Doch wie schon einmal zuvor, konnte Rotzi Popel seine Beine nicht rühren. Er war festgefroren. Da kuschelten sich zwei der Spatzenkinder schnell neben ihn und in Null-komma-nichts hatten sie seine Füße aufgetaut. Endlich konnte es losgehen.

Der Schlittenhang war nicht weit entfernt und bald konnten sie die Kinder jauchzen hören. Familie Spatz flog erst einmal über den Hang, um sich einen Überblick zu verschaffen, dann landeten sie ein wenig abseits der Piste. Frau Spatz zerrte eine Nussschale aus dem Laub. “Hier, Rotzi”, sagte sie, “ich habe einen wunderbaren Schlitten für dich gefunden!” Rotzi Popel strahlte über sein ganzes gelbes Gesichtchen. “Dankeschön!”, rief er. Dann kletterte er in die Nusschale, klebte sich fest und schon ging es los. Es war das herrlichste, das Rotzi Popel jemals erlebt hatte. Der Wind pfiff ihm um die Nase und die Nussschale tanzte und rummpelte lustig den steilen Hang hinunter. Die jungen Spatze flatterten aufgeregt hinter ihm her. Als er unten angelangt war, ergriffen sie zu zweit die Nussschale mit ihren Füßen und zerrten sie wieder den Hang hinauf. Und schon ging es wieder hinab!

Die großen Spatze sahen eine Weile lachend zu, dann flogen sie los und suchten nach Brotkrümeln und Apfelbutzen, die die Kinder fallengelassen hatten.

Nach einer kleinen Weile wollten die jungen Spatze auch einmal mit der Nussschale fahren. Es stellte sich aber heraus, dass sie zu klein war, als dass sie darin Platz gefunden hätten. Eine Schneeballschlacht ging auch nicht, da die Spatze mit ihren Flügeln keine Schneebälle formen konnten. Doch Rotzi Popel hatte eine Idee. Er betrachtete die Bäume in der Umgebung sehr afmerksam und verschwand dann unter einem blattlosen Nussbaum. Nach kurzer Zeit kam er wieder zum Vorschein und zog mehrere lehre Nussschalen hinter sich her.

“Versucht, mit je einem Fuß in eine Nussschale zu steigen. Das könnte funktionieren. So wie die Kinder da drüben.” Er wies auf ein paar Kinder, die unter jedem Fuß ein Brett zu haben schienen und damit den Berg hinunterfuhren. Gesagt, getan. Und er hatte Recht, es funktionierte einwandfrei. Jetzt konnten sie gemeinsam den Berg hinuntersausen. Die jungen Spatze nd Rotzi Popel hatten solchen Spaß, dass sie gar nicht merkten, dass die Kinder auf sie aufmerksam geworden waren.

“Seht mal da!”, rief ein kleiner Junge, “was machen die Vögelchen denn? Habt ihr sowas schonmal gesehen?” Vorsichtig kamen die Kinder näher, noch unbemerkt von Rotzi Popel und seinen Freunden. “Und was ist das für ein komisches gelbes Männchen in der Nussschale?”, fragte eines der Mädchen. “Wir wollen versuchen, die Vögel und das Männchen zu fangen”, schlug ein großer Bub vor und rannte los. Doch zum Glück bemerkten die jungen Spatze sehr schnell, was die Kinder vorhatten. Ohne zu zögern, ließen sie ihre Nussschalen liegen, einer griff geschickt Rotzi Popel und schon waren sie auf und davon! Die Kinder sahen ihnen nach. “Was für ein seltsames Männlein das war!”, meinte der kleine Bub. “Und wie lustig die Vögelchen gespielt haben!”, stimmte ihm das Mädchen zu. “Ach egal”, rief der große Bub, “lasst uns weiter Schlitten fahren! Wer weiß, wie lange der Schnee liegen bleibt!” Damit rannten die Kinder zurück zu ihren Schlitten.

Rotzi Popel und die jungen Spatze suchten Herr und Frau Spatz und gemeinsam flogen sie zurück in den Wald.

Als sie beim Bach ankamen, war Rotzi Popel mit einem Mal sehr müde. “Vielen Dank, liebe Freunde”, gähnte er, als die Spatze ihn absetzten, “das war wirklich wunderbar! Aber jetzt bin ich soooo müde! Ich glaube, ich muss ein Nickerchen machen! Ein langes Nickerchen!” Er kuschelte sich in den hohlen Stein. Er konnte kaum mehr die Augen offen halten, doch er merkte noch, wie Herr Spatz ihn mit einer Schneedecke zudeckte. “Danke”, murmelte er nochmal und “Gute Nacht.” Dann war er auch schon eingeschlafen. “Ob Popel Winterschlaf halten?”, fragte Frau Spatz Herrn Spatz. “Es sieht fast so aus”, kicherte der. “Ich werde jeden Tag nach ihm sehen, aber ich denke, wir sollten ihn einfach mal schlafen lassen.”

Damit flogen die Spatze davon. Aber Herr Spatz hielt sein Wort. Den ganzen Winter über flog er jeden Tag zum hohlen Stein am Bach und sah nach dem Rechten. Und eines Tages, als es allmählich wieder wärmer wurde und der Schnee zu schmelzen begann … doch davon will ich euch ein andermal erzählen.rotzi-1

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