Rotzi Popel sieht einen Stern

Rotzi Popel schlief tief und fest. Eine Schneedecke hatte den hohlen Stein, in dem er wohnte, ganz und gar zugedeckt. Auch Madame Moos und die Pilze schliefen. Ja, der ganze Wald schien zu schlafen. Nur die Eule war noch wach, denn es war finstre Nacht. Selbst der Bach schien zu schlafen, denn er war zugefroren und murmelte nur sehr leise unter der Eisschicht.

Da kam mit einem Mal von irgendwoher ein zartes Singen. Es war so klar und wunderschön, dass Rotzi Popel es bis unter die Schneedecke hörte. Schlaftrunken rieb er sich die Augen und sah sich um. Er konnte aber nichts erkennen. Wie gesagt, es war finstre Nacht.

Da war das Singen wieder. Rotzi Popel konnte sich kaum rühren, er war steif gefroren. Am liebsten hätte er einfach weitergeschlummert, aber nun war er neugierig geworden. Er musste einfach herausfinden, woher der Gesang kam.

Mühsam löste er seine gefrorenen Glieder vom Stein, ächzend grub er sich durch die Schneedecke. Als er sein Köpfchen ins Freie streckte, hielt er erstaunt inne. Die Luft war klar und klirrend kalt. Alle Geräusche schienen verstummt. Der Schnee schimmerte bläulich-weiß durch die Dunkelheit. Und ganz oben, zwischen den hohen Wipfeln, leuchteten am Nachthimmel unzählige Sterne.

Die Eule in der hohen Tanne sah Rotzi Popel im Schnee und hielt ihn für Beute. Lautlos kam sie herabgesegelt, um ihn zu greifen. Doch dann sah sie, dass er wohl nicht schmecken würde und landete etwas unelegant mit einem Plumps neben ihm. Rotzi Popel bekam einen gehörigen Schrecken! Doch dann fragte er die Eule: „Bitte verzeihen Sie, Gnädigste, können sie auch die Musik hören?“ Die Eule musterte ihn aus gelben Augen, etwas von oben herab, und bequemte sich dann zu antworten: „Selbstverständlich. Wir Eulen haben ein hervorragendes Gehör. Das sind Menschen, die in der kleinen Kapelle am Waldrand irgendein Menschenfest feiern.“

„Ein Fest? Mitten im Winter?“, fragte Rotzi Popel erstaunt. „Die Menschen sind eben seltsam“, entgegnete die Eule kurz. „Das würde ich zu gern sehen“, murmelte Rotzi Popel, „Sie können mich nicht vielleicht an den Waldrand bringen, damit ich mir das ansehen kann?“, bat er dann.

„An den Waldrand nicht, ausgeschlossen“, lehnte die Eule ab. „Aber von der hohen Tanne aus können sie die Kapelle auch sehen. Dann muss ich keinen Umweg machen.“

Rotzi Popel war es recht und so griff ihn die Eule etwas unsanft und schwang sich mit einem kräftigen Stoß empor. Auf einem Zweig hoch oben in der Tanne sitzend, sah Rotzi Popel die Kapelle. Die Fenster waren hell erleuchtet und die Musik und der Gesang drangen klar durch die Nacht zu ihm empor. Die Sterne leuchteten sanft und friedlich und Rotzi Popel wurde mit einem Mal ganz feierlich zumute.

Da öffneten sich die Türen der Kapelle und ein goldener Lichtstrahl ergoß sich über den Schnee. Die Menschen traten mit Kerzen in den Händen heraus. Rotzi Popel hörte sie lachen und reden. Noch kurz blieben sie beisammen, dann eilten sie in Grüppchen ihren Häusern zu. Einige sangen noch auf dem Weg. Wenig später war es wieder still. Die Kapelle war nun dunkel, doch in den Häusern brannten jetzt Kerzen und Lichter. Und auch die Sterne schienen weiterhin still am Himmel. Da konnte Rotzi Popel nicht anders. Er holte tief Luft und begann zu singen: „Stie-hille Naaaacht, heilige Naaaacht…“

Woher ihm dieses Lied kam, wusste er nicht genau zu sagen. Vermutlich hatte er es noch im Halbschlaf unterm Schee gehört. Als er fertig war, wurde er mit einem Mal wieder sehr müde. Die Eule bequemte sich, ihn wieder hinabzutragen. Dann krabbelte er zurück in seinen Stein und schlief sofort tief und fest ein.

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