Piranhas oder Goldfische

Meine kleine Schwester Lulu wünschte sich schon lange ein Haustier und so fuhr unser Papa eines Tages, nach langem Betteln und Quengeln etwas entnervt mit ihr in die Zoohandlung. Sie wollten einen Goldfisch kaufen, denn Papa meinte etwas lakonisch: „Mit dem braucht keiner Gassi gehen und wenn sie ihn nicht füttert, kann er im Klo entsorgt werden.“ Meine kleine Schwester bedachte ihn dafür mit einem bösen Blick, sagte aber nichts.

Als sie wiederkamen, staunte ich nicht schlecht. Es war nicht ein Fisch, sondern drei. Und sie sahen irgendwie nicht so recht nach Goldfischen aus.

Statt eines Kugelglases schleppte Papa eine große Glaskiste ins Wohnzimmer, außerdem ein kleines Sortiment Wasserpflanzen, ein Schiffswrack aus Plastik, aus dem Blubberblasen emporsteigen sollten, Aquariumsand und Fischfutter. Den ganzen Nachmittag richtete er das Aquarium ein. Kurz vor dem Abendessen bezogen die Fischlein ihr neues zu Hause und Lulu betrachtete sie mit verliebten Augen.

„Ihr dürft ihnen noch etwas Futter geben“, erlaubte Papa großzügig, bevor er duschen ging. Also streuten Lulu und ich etwas Fischfutter auf die Wasseroberfläche. Etwas geheimnisvoll murmelte mein Schwesterchen: „Das wird ihnen nicht schecken“. „Wieso nicht?“, wollte ich wissen. Sie antwortete nicht und beobachtete nur gebannt die drei Fische. Etwas träge lutschten sie kurz am Fischfutter, dann… spuckten sie es wieder aus! Sie schienen uns vorwurfsvoll anzuglotzen. Sehr seltsam.

Viel seltsamer war aber, dass Lulu ihnen nun zuflüsterte: „Keine Sorge, ich bringe euch nachher was Feines!“

Die Fische schienen ihr zuzunicken! Meine Schwester, die Fischflüsterin, dachte ich nur.

Beim Abendessen beobachtete ich, wie sie heimlich drei Rädle Salami und zwei Rädle Fleischwurst unterm Tisch verschwinden ließ. Als Mama und Papa nach dem Essen die Küche aufräumten, stahl sie sich ins Wohnzimmer. Ich schlich ihr nach. Ungläubig beobachtete ich, wie sie die Wurstscheiben ins Aquarium gleiten ließ. Das Wasser schäumte kurz, als die drei kleinen Fische kurzen Prozess mit der Wurst machten.

„Was zum Teufel sind das für Viecher?!“, entfuhr es mir. Erschrocken drehte sie sich um. „Ach, du bist es nur“, seufzte sie erleichtert, dann winkte sie mich näher.

„Guck sie dir mal genau an“, forderte sie mich auf. Ich hab‘ ja schon erwähnt, so richtig wie Goldfische sahen sie nicht aus. Zwar waren sie um die Augen herum orange und ihre unteren Flossen waren leuchtend rot, aber ansonsten waren sie eher grau. Auch waren ihre Körper viel höher und ihre Schwanzflossen recht klein. Gerade in diesem Moment, wandten sich alle drei Fische mir zu und grinsten mich an! Dabei zeigten sie messerscharfe, blendend weiße Beißerchen!

„Das sind Piranhas“, flüsterte Lulu mir verschwörerisch zu. „Sind sie nicht wunderhübsch?“, fügte sie hinzu.

„Wie hast du Papa denn dazu überredet?“, wollte ich wissen. „Er weiß es nicht“, gestand sie leicht beschämt. „Aber keiner wollte diese drei Süßen haben und ich komnte sie einfach nicht zurücklassen!“

Das sah ich natürlich ein und versprach, sie nicht zu verraten. Seitdem leben also drei Piranhas in unserem Wohnzimmer. Das Fischfutter wird wundersamerweise niemals leer. Nur wundert sich Mama, dass sie ständig Wurst nachkaufen muss. Ich bin sicher, wir werden noch viel Spaß haben mit unseren neuen Haustieren.

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