Wie die Piranhas sprechen lernten

Natürlich musste meine kleine Schwester Lulu ihren neuen Haustieren Namen geben. Weil es drei Fische waren, wurde das etwas schwierig. Denn natürlich mussten die Namen wunderhübsch sein und zu den Viechern passen.

Sie hatte alle möglichen Ideen: Schnick, Schnack und Schnuckelchen (weil der dritte etwas kleiner war). Oder Stupsi, Stipsi und Stöpselchen. Oder Blib, Blab und Blub. Aber irgendwie war Lulu nicht zufrieden. Mama riet ihr: „Guck sie dir doch genau an, vielleicht haben sie ein besonderes Merkmal, nach dem du sie benennen kannst.“

Lulu guckte genau. Dann hatte sie es. Den größten nannte sie Abendrot, weil er das meiste Orange hatte, den zweiten Silbermond, weil er besonders hübsch silbern glänzte und den kleinsten Tautröpfchen, weil er noch so klein war. Ich verdrehte nur die Augen. Arme Fische, schoss mir durch den Kopf. Aber sie konnten es ja eh nicht verstehen. Dachte ich.

Offensichtlich verstanden sie es schon und fanden es gar nicht gut.

Ein paar Tage später wurde ich nachts von seltsamen Geräuschen ins Wohnzimmer gelockt. Erst dachte ich, Papa sei vor der Glotze eingeschlafen, aber der Fernseher war aus. Das einzige Licht kam von der Beleuchtung des Aquariums. Die Geräusche schienen auch von dort zu kommen. Seltsam. Was ich dann sah, konnte ich kaum glauben. In der Mitte des Aquariums verharrten die drei Fische scheinbar regungslos. Von Zeit zu Zeit ließ einer aus seinem Maul Luftblasen emporsteigen. Diese stiegen an die Wasserfläche, wo sie zerplatzten. Immer dann hörte man kleine Geräusche. Es klang wie bli, bla oder bababa. Versuchten diese seltsamen Fische etwa zu sprechen?!

Ich setzte mich hinter das Sofa und beobachtete sie. Tatsächlich, sie übten zu sprechen. Erst einfache Silben, dann ganze Wörter. Irgendwann fielen mir die Augen zu und ich kroch zurück ins Bett.

In der nächsten Nacht weckte ich Lulu und wir schlichen gemeinsam ins Wohnzimmer. Lulu beobachtete ihre Haustiere fassungslos. Dann platzte sie heraus: „Seit wann könnt ihr denn sprechen?!“

Die Piranhas glotzten sie erschrocken an. Dann öffnete einer sein Mäulchen und silbrige Luftblasen stiegen an die Wasseroberfläche. Als sie dort platzten hörten wir: „Doofe Namen“ und „wollen nicht so heißen!“

„Aber warum denn nicht?“, wollte Lulu wissen, „ich hab doch wunderhübsche Namen für euch ausgesucht!“ „Nein, blöde Namen!“, erwiderten die Fische.

Lulu war etwas gekränkt, darum fragte ich jetzt: „Wie wollt ihr denn heißen?“ Der größte ließ ein paar Luftblasen steigen und wir hörten: „Horst!“. Der mittlere war der nächste: „Black Devil!“ Zum Schluss meldete sich der kleinste. Als seine Luftblasen platzten hörten wir: „Pitbull!“

Mir persönlich gefielen diese Namen auch viel besser, als der kleine-Mädchen-Blödsinn, den Lulu ausgesucht hatte. Lulu schluckte einmal, dann nickte sie. „Also gut“, stimmte sie zu, „aber dich“, und dabei zeigte sie mit dem Finger auf den Mittleren, „nenne ich Blacky!“

Damit stapfte sie hocherhobenen Hauptes zurück ins Bett. Die Fische grinsten zufrieden, wobei sie wieder ihre weißen Beißerchen zeigten. Ich fragte mich immer noch, ob ich träumte, zuckte dann die Schultern und ging auch schlafen.

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