Rotzi Popel erwacht

Seit der Nacht, als er im Schnee auf der hohen Tanne gesessen und die Menschen aus der Kapelle hatte kommen sehen, hatte Rotzi Popel tief und fest geschlafen. Dicker Schnee hatte seinen hohlen Stein am Bachlauf warm zugedeckt und selbst der Bach war unter einer dicken Eisschicht verstummt.

Nun aber drang ein beständiges Klopfen an Rotzis Ohr und störte ihn in seinem Schlummer. Entschlossen kniff er die Augen zusammen und versuchte, an seinem Traum festzuhalten. Es war ein wundervoller Traum gewesen, voll Sonnenwärme und guter Düfte. Doch es half nichts. Der Traum floh und Rotzi Popel schlug mürrisch die Augen auf.

Dann machte er sie schnell wieder zu. Es war unerträglich hell, das grelle Licht schmerzte ihn. Wie konnte das nur sein? Das letzte Mal war es doch Nacht und außerdem tiefster Winter gewesen?

Vorsichtig öffnete er die Augen erneut einen kleinen Spalt. Jetzt ging es schon besser. Neugierig musterte er seine Umgebung. Der Stein hatte nur noch eine dünne Schneehaube. Durchsichtig dünne Eiszapfen glitzerten in der Sonne und ließen Tropfen um Tropfen zu Boden fallen. Das war das beständige Klopfen gewesen, das ihn geweckt hatte! Der Bach hatte nur noch dünne Eisränder und gluckerte wieder fröhlich vor sich hin.

„Guten Morgen, Sie Schlafmütze! Sind Sie auch endlich aufgewacht?“, begrüßte ihn da eine fröhliche Stimme. Freudig wandte sich Rotzi Popel zu Madame Moos um, denn sie war es, die gesprochen hatte.

„Liebe Madame Moos!“, rief er verblüfft aus, als er sie sah, „Sie sind ja ganz verändert!“

„Ja, nicht wahr?“, Madame Moos ergrünte leicht und fuhr sich mit zierlichen Fingern durchs frühlingsgrüne Haar, das über und über mit winzigen weißen, sternförmigen Blüten übersäät war. „Hey, wir sind auch wieder da!“, krakeelte es da von oben. Und richtig, da standen die Pilze, allerdings etwas kleiner, als Rotzi sie in Erinnerung hatte. „Wir wachsen noch!“, verkündeten sie etwas trotzig, als sie Rotzi Popels verwunderten Blick bemerkten.

Da rauschte es plötzlich von oben und die ganze Familie Spatz ließ sich am Bach nieder. „Endlich seid ihr alle wieder wach!“, zwitscherte Herr Spatz fröhlich. „Der Winter war nun wirklich lang genug und es wurde uns allmählich langweilig ohne die Abenteuer mit unserem Freund Rotzi.“

Rotzi Popel freute sich sehr über das Wiedersehen mit all seinen Freunden. Doch gleichzeitig juckte es ihn in den Füßen. Er konnte es gar nicht abwarten, endlich wieder durch den Wald zu streifen. Überall zwitscherte und raschelte und summte es. Zwischen dem Laub unter den hohen Bäumen lugten weiße Waldanemonen und gelbes Scharbockskraut hervor. Ameisen und Käferlein krochen aus Ritzen und Löchern. Der ganze Wald schien zu neuem Leben erwacht zu sein!

Herr Spatz bemerkte die Unruhe seines Freundes und zwinkerte ihm zu. „Wie wäre es, drehen wir eine Runde?“, schlug er vor. „Liebend gerne!“, strahlte Rotzi Popel. Flink kletterte er ins Gefieder und klebte sich fest. Einen Augenblick später waren sie in der Luft. Frühlingsduft zog Rotzi Popel um die Nase, Äste mit jungen Blättchen rauschten an ihnen vorbei und dann schoß der Spatz in den strahlend blauen Himmel über dem Wald. Rotzi Popel riss die Ärmchen hoch und jubelte vor Freude! Ein neues Jahr hatte begonnen.

Ein Jahr voller Abenteuer.

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