Die Sache mit dem Müll (Piranha-Geschichten)

Die Schule hatte wieder angefangen und alles lief seinen gewohnten Gang. Der Herbst war da mit ganzen Haufen bunter Blätter. Morgens wenn wir aufstehen mussten, war es noch dunkel und abends beim schlafen gehen war es wieder dunkel.

Eines Morgens blätterte Papa schlaftrunken in der Zeitung. Lulu las die Überschrift auf der Rückseite vor. „Bürgermeister verkündet: unsere Stadt wird sauberer.“

Mama horchte interessiert auf. „Wie meint er das? Mehr Umweltschutz? Wird ja auch mal Zeit!“ Sie hockte sich neben Lulu und las den Artikel vor.

„Bürgermeister Mühl verkündet Schließung der städtischen Mülldeponie. Alle dort gelagerten Abfallprodukte und Wertstoffe werden abtransportiert und nach Kozambi verschifft, so Mühl. Davon profitieren beide Gemeinden, da Kozambi selbstverständlich großzügig dafür entlohnt wird.“

Wir sahen uns stumm an. Und in diese Stille hinein erklangen plötzlich die Protestschreie er Piranhas: “Das kann nur eine Sauerei sein! Der will uns wohl verarschen! Das ist doch kein Umweltschutz, von wegen sauber! Der schiebt die Drecksarbeit doch nur ab!“ Mama und Papa sahen sich verwundert an. Sie wussten ja noch nichts von dieser Eigenheit unserer seltsamen Haustiere.

Wir gingen alle rüber ins Wohnzimmer und Mama und Papa starrten ungläubig ins Aquarium. „Kneif mich ml, ich glaub ich träume noch“, murmelte Papa. Mama tat ihm den Gefallen und Papa rieb sich den schmerzenden Arm. „Seit wann sprechen unsere Fisce?“, fragte Mama schwach.

„Das ist doch vollkommen unwichtig“, zeterte Horst, „wir müssen etwas unternehmen!“ „Und zwar dalli!“, fügte Blacky hinzu. Mama und Papa standen noch immer wie vom Donner gerührt vor dem Aquarium, darum fragte Lulu: „Was können wir denn tun?“ „Was können wir denn tun“, äffte Pitbull sie nach. „Benutz dein Hirn, Mädchen!“ Lulu schob die Unterlippe vor und schmollte ein bisschen.

„Wie könnten eine Demo veranstalten“, schlug ich schnell vor, „oder einen Schulstreik!“ Die Idee gefiel mir sogar noch besser, die hatte ich aus dem Fernsehen. Bei dem Wort Schulstreik erwachte Mama wieder aus ihrer Schockstarre. „Nichts da!“, erklärte sie entschieden „ihr werdet schön brav in die Schule gehen. Aber die Fische haben recht, es muss etwas geschehen!“

„Die Öffentlichkeit muss informiert werden“, meldete sich endlich auch Papa. Er sah immer noch etwas blass aus, wirkte aber gefasst. „Ich werde einen Leserbrief an die Zeitung schreiben. Ich kenne da einen Redakteur.“
„Und ich rufe beim Elternverein eurer Schule an. Wir starten eine Unterschriftenaktion“, schlug Mama vor. „Und was sollen wir machen?“, fragte Lulu zeitgleich mit Horst. Mama überlegte kurz. Dann entschied sie: „Ihr kümmert euch um ein paar Plakate. Wenn wir die Leute überzeugen wollen, müssen sie erstmal wissen, worum es geht.“

Lulu und ich stürmten sofort in unsere Zimmer, um Farbstifte und Papier zu holen, doch Mama stoppte uns. „Nach der Schule, bitte schön! Eure Fische können sich ja schon mal ein paar Sprüche überlegen.“

Grummelnd packten wir unsere Schulsachen und zogen ab. Der Unterricht zog sich schier endlos hin. Als es nach der letzten Stunde endlich klingelte, rannten Lulu und ich fast den ganzen Weg nach Hause. Die Piranhas waren nicht untätig gewesen. Kaum waren wir zur Haustür herein, blubberten sie auch schon aufgeregt: „Los! Holt Stifte und Papier! Schreibt auf, bevor wir es wieder vergessen!“ Und dann diktierten sie uns die Sprüche, die sie sich vormittags ausgedacht hatten.

Schieb deinen Müll nicht einfach weg,
kümmer dich selber um deinen Dreck! und

Sei gut zur Umwelt, mach weniger Müll! und

Wer sauber will, muss sauber handeln! und

Müll verkaufen = Ausbeutung von Mensch und Natur!

Während Lulu und ich unsere schönsten Buchstaben auf die Plakate malten, fragte mein Schwesterchen: „Warum ist das nochmal so schlimm, was der Bürgermeister da vorhat?“ Unsere blubbernden Freunde ließen sich nicht zweimal bitten. „Ihr wisst doch, dass die reichen Länder vie zu viel Müll produzieren, richtig?“, begann Horst. „Richtig“, stimmten wir zu. „Die armen Länder produzieren viel weniger Abfall und Abgase, müssen aber oft viel mehr unter den Folgen leiden, Klimawandel und so“, fuhr Pitbull fort. Lulu und ich nickten. „Was meint ihr, was passiert, wenn die reichen Länder ihren Müll an die armen Länder verkaufen?“, fragte Blacky. „Dann haben die armen Länder mehr Geld, ist doch gut“, meine Lulu achselzuckend. „Leider nicht“, entgegnete Horst, „denn erstens zahlen die reichen Länder lange nicht genug. Zweitens geht das Geld an ein paar wenige, die die Macht haben und drittens gibt es dort meistens nicht die nötige Infrastruktur, um den Müll richtig zu verarbeiten. Der kommt dann auf riesige Deponien und wird oft ins Meer geweht.“

„Was bedeutet Infrastruktur?“, wollte Lulu wissen. Ich war froh, dass sie fragte. Ich wusste es nämlich auch nicht. Blacky erklärte: „Infrastruktur bedeutet, dass alles da ist, was man braucht. Einkaufsmöglichkeiten, Straßen, Schulen, Bus- und Zugverbindungen, aber auch Wasserversorgung und Abfallbeseitigung.“ „Und das gibt es in Kozambi alles nicht?“, hakte ich nach. „Nicht alles“, bestätigte Pitbull. „Es gibt zwar ein paar Straßen, aber die führen nicht überall hin. Viele Haushalte haben noch keinen Strom oder fließendes Wasser. Viele Kinder müssen sehr weit zu Fuß gehen, um in die Schule zu kommen.“ „Ja“, fiel Horst ein, „und vor allem gibt es keinen, der sich um den Müll kümmert!“ Das verstanden Lulu und ich. Wenig später hatte Mama das Mittagessen fertig.

Beim Essen erzählte sie uns, dass sie nicht nur mit dem Elternverein gesprochen hatte, sondern auch mit der Direktorin unserer Schule. Die heißt Frau Schremser und ist echt nett. Sie hat sich gleich bereit erklärt, ein Umweltprojekt an unserer Schule zu starten und fand es auch gut, dass wir Unterschriften sammeln gehen. Außerdem kennt sie jemanden im Stadtrat. Wenn wir genug Unterschriften bekämen, sagte sie, würde sie dafür sorgen, dass der Stadtrat sie bekommt.

Den ganzen Nachmittag arbeiteten wir weiter an unseren Plakaten, und bis zum Abend waren sie fertig.

Papa kam erst zum Abendessen nach Hause. Er war müde und hungrig und sauer. „Stellt euch vor, heute in der Arbeit haben doch tatsächlich ein paar Kollegen behauptet, es wäre gut, was der Bürgermeister da vorhat! Die denken immer noch, wir könnten ewig so weitermachen, wie bisher. Was mit der Natur passiert, ist denen völlig Wurscht!“ Schnaufend ließ er sich auf seinen Platz plumpsen. Mama gab ihm einen Kuss und zog ihn am Ohr. „Du weigerst dich auch immer noch, das feste Schampoo zu benutzen, das ich dir mitgebracht habe“, neckte sie ihn. „Das schäumt aber nicht so schön und angeblich muss man danach noch eine Essigspülung machen“, jammerte Papa. „Stimmt gar nicht!“, riefen Lulu und ich empört. Mama klärte Papa auf. „Bei Haarseife hättest du sogar recht, aber für festes Schampu gilt das nicht. Probier es wenigstens aus, ok?“ „Na gut“, lenkte Papa ein.

„Hattest du schon Zeit für deinen Leserbrief?“, fragte ich jetzt. „Nein“, Papa schüttelte den Kopf, „aber sobald ich was im Bauch habe, setze ich mich dran. Ich hab schon den Redakteur angerufen, den Fritz, der hat mir versprochen, er tut was er kann damit er abgedruckt wird.“ „Das ist ja wunderbar“, strahlte Mama, „die Schule und der Elternverein sind auch dabei.“

Eine Weile aßen wir schweigend. Lulu schien über irgend etwas nachzudenken. „Sagt mal“, meinte sie schließlich, „was sagen eigentlich die Leute in Kozambi dazu, dass sie unseren Müll kriegen?“ „Die wissen das vermutlich noch gar nicht“, sagte Papa kauend. „Sollten wir es ihnen dann nicht sagen?“, fragte ich. „Wie denn? Kennst du jemanden in Kozambi?“, entgegnete Mama. „Das nicht“, gab ich zu, „aber wenn die Leute in Kozambi wüssten, was los ist, dann könnten sie auch dagegen demonstrieren. Das würde vielleicht helfen.“ Ich war mächtig stolz auf diese Idee und noch stolzer, als Papa anerkennend nickte.

„Gibt es in Kozambi eine Schule?“, erkundigte sich Lulu, scheinbar zusammenhanglos. Mama zuckte die Schultern. „Ich glaube schon, warum?“ „Na dann könnte doch unsere Direktorin der Direktorin von der Schule in Kozambi schreiben. Dann kennen wir da wen“, erklärte Lulu und schob sich noch ein Stückchen Gurke in den Mund.

„Die Idee ist gar nicht so schlecht“, meinte Mama. „Lass mich da einmal drüber schlafen.“

Während Papa nach dem Abendessen seinen Leserbrief schrieb, gingen Lulu und ich rüber ins Wohnzimmer zu Horst, Pitbull und Blacky. Lulu fütterte die drei mit Salami und ich erzählte ihnen, was Mama und Papa erreicht hatten. „Gut gemacht, Kinder“, schmatze Blacky, „da geht ja was!“ „Vergesst morgen bloß eure Plakate nicht“, mampfte Horst. „Keine Sorge“, beruhigte ihn Lulu, „ist schon alles eingepackt. Vielleicht brauchen wir bald noch mehr Plakate, also denkt schön weiter nach, ihr Süßen. Und jetzt gute Nacht!“ Damit gingen wir ins Bett.

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