Die Unterschriftensammlung (Piranhageschichten)

Unsere Direktorin war wirklich eine fleißige Frau. Kaum hatten wir in der Schule unsere Plakate aufgehängt, eilte sie auch schon von Klassenzimmer zu Klassenzimmer und drückte allen Lehrern Papierstapel in die Hand. Bevor wir anfangen konnten, uns zu wundern, kam auch schon die Erklärung. Mein Klassenlehrer, Herr Büttelmann, hielt eines der Papiere hoch und wir konnten sehen, dass es eine leere Liste war. „Das ist eine Unterschriftenliste“, erklärte er. „Ihr hat vielleicht schon gehört, dass unser Bürgermeister die städtische Mülldeponie auflösen und allen Müll nach Kozambi verkaufen will. Frau Schremser und auch wir Lehrer finden, dass das keine gute Idee ist. Warum, darüber werden wir gleich sprechen. Ich teile jetzt die Listen aus und jeder der möchte, kann zu Hause, bei Freunden und Verwandten Unterschriften sammeln, damit unser Müll bei uns bleibt.“ So ähnlich lief es wohl in allen Klassen. Die Listen wurden verteilt und dann sprachen wir darüber, wie man die Umwelt wirklich schützen kann, wie die Stadt sauberer werden könnte, wie man Müll vermeidet und was passiert, wenn wir nicht besser auf unsere Umwelt achten. So spannend hatte ich den Unterricht schon lange nicht mehr gefunden.
Nachmittags beeilten Lulu und ich uns, die Hausaufgaben zu erledigen und dann klapperten wir mit unseren Listen die ganze Straße ab und klingelten an jedem Haus. Die meisten Leute unterschrieben, aber ein paar hatten keine Lust oder meinten nur, wir hätten ja noch keine Ahnung und sollten uns nicht in Erwachsenenangelegenheiten einmischen. Lulu war stinksauer und ich zog sie schnell weiter, bevor es Ärger gab.
Als wir von unserer Tour gerade zurückkamen, klingelte das Telefon. Ich hob ab. „Ben Boden, guten Tag“, meldetet ich mich. Mama sagt, so solle ich mich immer melden, denn es sei sehr wichtig, stets höflich zu sein. „Hier Fritz Büchner“, meldete sich eine Stimme, „ist dein Vater zu Hause?“ Fritz? Da klingelte doch was bei mir. „Leider noch nicht“, antwortete ich der Stimme, „sind Sie der Redakteur von der Zeitung?“ Herr Büchner lachte „Der bin ich tatsächlich. Kannst du deinem Vater was ausrichten? Sag ihm bitte, ich konnte seinen Leserbrief heute unterbringen, ist morgen in der Zeitung. Und es gibt sogar noch eine extra Kolumne dazu. Wir hatten bei dem Thema eine große Resonanz.“ „Ist gut, sag ich ihm“, versprach ich. Dann fiel mir noch etwas ein. „Herr Büchner, darf ich noch was fragen?“ Ich konnte ihn schmunzeln hören. „Frag nur“, ermunterte er mich. Also fragte ich: „Was bedeutet Resonanz?“
Papa kam pünktlich zum Abendessen nach Hause. Sobald er die Tür öffnete, rannte ich ihm entgegen. „Papa! Papa! Fritz Büchner von der Zeitung hat angerufen, dein Leserbrief ist morgen drin! Und eine Kolumne auch noch wegen der Resonanz! Das heißt, dass sich ganz viele Leute zu dem Thema gemeldet haben!“, wurde ich stolz mein ganzes Wissen los. „Und wir haben schon ganz viele Unterschriften gesammelt!“, piepste Lulu. Mama stellte eine große Form Nudelauflauf auf den Tisch und verkündete: „Und ich habe nochmal mit eurer Direktorin gesprochen. Sie versucht die Schule in Kozambi zu erreichen.“
Papa machte gerade den Mund auf, um diese Flut an Informationen zu kommentieren, da meldeten sich die Piranhas aus dem Wohnzimmer: „He! Ihr da drüben! Verlegt eure Lagebesprechung mal hierher! Wir wollen auch alles mitkriegen!“ „Außerdem haben wir Hunger!“
Daher trugen wir unsere Teller ins Wohnzimmer und Lulu fütterte die Piranhas mit Wurststückchen aus ihrem Nudelauflauf. Sie vertilgten sie innerhalb von Sekunden. Mama stupste mich an. „Das sind nie im Leben Goldfische“, flüsterte sie. „Stimmt“, bestätigte Lulu geistesabwesend, „es sind Piranhas.“
„WAS?!“, riefen unsere Eltern unisono. „Regt euch nicht auf“, meinte Lulu gelassen, „sie fressen euch schon nicht.“ „Zumindest nicht, solange wir regelmäßig gefüttert werden“, grinste Pitbull und zeigte seine blanken Beißerchen.
„Ihr dürft es aber niemandem verraten!“, warf ich ein. „Und ihr dürft niemandem sagen, dass sie sprechen können“, meldete sich Lulu, nun doch besorgt, „sonst nimmt sie uns jemand weg!“ Mama und Papa nickten matt und Mama meinte trocken: „Das glaubt uns sowieso keiner.“ „Außerdem hab ich keine Lust auf wochenlanges Geheule, wenn die Viecher nicht mehr da wären“, fügte Papa hinzu.
Damit war die Sache geregelt, und ich war heimlich stolz auf unsere Eltern, dass sie bei alledem so cool geblieben waren.
Am nächsten Morgen frühstückten wir direkt im Wohnzimmer und Papa schlug ungeduldig die Zeitung auf. Stellt euch vor, es gab eine ganze Doppelseite mit Leserbriefen. Und in allen ärgerten sich die Leute über den Plan des Bürgermeisters! Manche verwiesen darauf, dass durch die Auflösung der Mülldeponie Arbeitsplätze verloren gingen. Einige ärgerten sich über die Transportkosten, die durch die Müllverschiffung auf die Bevölkerung zukämen. Wieder andere prangerten die Ausbeutung der armen Menschen in Kozambi an. Papas Leserbrief war genau in der Mitte abgedruckt. Lulu und ich waren sehr stolz auf Papa. Die Kolumne war an der Seite untergebracht und Herr Büchner schrieb darin, dass der Müllverkauf nach Kozambi offensichtlich Verärgerung in der Bevölkerung ausgelöst hätte und forderte den Bürgermeister auf, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen, sondern lieber alle Konsequenzen seines Handelns zu bedenken.
In den nächsten Tagen sammelten Lulu und ich jeden Nachmittag nach den Hausaufgaben Unterschriften in den Nachbarstraßen. Manchmal trafen wir dabei Freunde aus der Schule. Dann verglichen wir, wer die meisten Unterschriften hatte und ärgerten uns gemeinsam, wenn jemand nicht hatte unterschreiben wollen. Am Freitag gaben wir die Listen ab. Dafür teilten unsere Lehrer Mitteilungszettel aus, die wir zu Hause abgeben sollten. Darauf stand:
Liebe Eltern,
Sie haben vielleicht schon von Ihren Kindern gehört, dass an unserer Schule gerade ein Umweltprojekt läuft. Wir erklären Ihren Kindern, wie sie helfen können, die Umwelt zu schützen und möchten daher auch Sie bitten, Ihre Kinder dabei zu unterstützen. Als erste kleine Schritte sorgen Sie bitte dafür, dass Ihr Kind eine Brotdose hat und eine Trinkflasche. Bitte keine Plastiktüten und Einwegflaschen mitgeben.
Außerdem haben wir seit kurzem eine Partnerschule in Kozambi, mit der wir gerne eine Zusammenarbeit starten möchten. Um all dies zu besprechen, möchte ich Sie alle zu einem außerordentlichen Elternabend einladen.
Das Datum war für den kommenden Donnerstag. Lulu und ich erzählten das natürlich sofort unseren Freunden im Aquarium. Horst, Blacky und Pitbull strahlten. „Hätte nie gedacht, dass Menschen so vernünftig sein können“, blubberte Horst. „Sind ja auch nicht alle“, hielt Blacky schnippisch dagegen. „Aber Mama und Papa schon, und unsere Direx und der Typ von der Zeitung auch“, erinnerte ich ihn. „Ist ja gut, Ben“, beschwichtigte Pitbull mich, „jetzt hoffen wir mal, dass es auch so gut weitergeht und die Sache Erfolg hat.“ Damit hatte Pitbull recht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s